Mit dem Töff sicher durch den Seelisbergtunnel

Die Strecke durch den Seelisbergtunnel kann für Motorradfahrende zur Herausforderung werden. Schwankende Temperaturen, künstliche Beleuchtung, Abgase und ein veränderter Fahrbahnbelag wirken unmittelbar auf Fahrer und Maschine.

Der folgende Artikel zeigt, worauf Sie bei der Durchquerung des Seelisbergtunnels achten müssen, welche Risiken typisch sind und wie Sie Ihre Fahrweise vorausschauend anpassen.

Licht und Kontraste: Das Visier rechtzeitig vorbereiten

Beim Übergang vom hellen Tageslicht in die Tunnelröhre müssen die Augen sich auf neue Bedingungen einstellen Bis sich die Pupillen an das diffuse Kunstlicht gewöhnt haben, vergehen mehrere Sekunden, denen Sie bei höherer Geschwindigkeit schon eine längere Strecke zurücklegen.

Wichtig ist daher die passende Ausrüstung:

Getönte Visiere: Dunkel getönte Visiere oder tief sitzende Sonnenbrillen reduzieren den ohnehin schwachen Kontrast im Tunnel drastisch. Hindernisse, herabgefallene Ladungsteile oder feuchte Fahrbahnstellen lassen sich oft erst spät erkennen. Nutzen Sie vor der Einfahrt nach Möglichkeit ein klares Visier mit integrierter Sonnenblende, die Sie mit einem Griff nach oben klappen können.

  • Beschlagene Scheiben: Durch das wechselnde Mikroklima zwischen Aussenbereich und Tunnelinnerem beschlagen Visiere besonders an kühlen Tagen oder bei Regen schnell. Ein funktionsfähiges Pinlock-Innenvisier verhindert das Anlaufen zuverlässig.
  • Blendung an der Ausfahrt: Am Tunnelende kehrt sich das Problem um. Verlassen Sie den Tunnel in Richtung Süden nach Uri, treffen Sie häufig auf grelles Sonnenlicht oder tückische Lichtreflexe auf nasser Fahrbahn. Heben Sie den Blick rechtzeitig und senken Sie die interne Sonnenblende bereits einige hundert Meter vor dem Portal ab.

Vermeiden Sie es, das Visier im Tunnel ganz zu öffnen. Verwirbelter Schmutz, Bremsstaub und Insekten gefährden Ihre Augen bereits bei moderatem Tempo. Ein minimaler Spalt genügt, um frische Luft zuzuführen.


Achten Sie vor der Tunneleinfahrt auf ein passendes Visier.

Grip und Fahrbahnbeschaffenheit: Tückische Zonen im Asphalt

Grundsätzlich bietet der Fahrbahnbelag im Seelisbergtunnel verlässlichen Halt. Dennoch verhält sich der Asphalt anders als auf der offenen Autobahn. Reifen kühlen auf langen Tunnelpassagen mangels Sonneneinstrahlung und Kurvenbelastung oft ab, was den Grip geringfügig mindert. Wesentlich entscheidender sind jedoch lokale Schmierfilme und bauliche Übergänge.

Nässeeintrag an den Portalzonen

Regnet es vor dem Tunnel, transportieren Lastwagen und Autos grosse Mengen Wasser bis zu einem Kilometer weit in die Röhre hinein. In Kombination mit feinem Reifenabrieb und Russpartikeln entsteht in den ersten Tunnelabschnitten ein extrem rutschiger Schmierfilm. Bremsen Sie vor der Einfahrt kontrolliert ab und halten Sie in den Portalbereichen mehr Schräglagenreserve bereit als gewohnt.

Dehnfugen und Schachtabdeckungen

Der Seelisbergtunnel verfügt über Dehnungsfugen im Beton und verschiedene metallische Schachtdeckel entlang der Fahrstreifen. Bei trockenen Bedingungen stellen diese Elemente kaum eine Gefahr dar. Sobald sich jedoch Kondensfeuchtigkeit oder Schleppwasser darauf absetzt, verlieren Reifen auf dem blanken Metall schlagartig an Haftung.

  • Überfahren Sie sichtbare Fugen und Metallplatten möglichst aufrecht.
  • Vermeiden Sie starke Beschleunigungs- oder Bremsmanöver direkt auf den Fahrbahnübergängen.
  • Fahren Sie leicht versetzt zur Spurmitte, um Schachtdeckeln und Ölspuren auszuweichen, die sich oft im Zentrum des Fahrstreifens sammeln.

Nässe kann Dehungsfugen rutschig machen.

Zähflüssiger Verkehr und Stau: Hitzestau und Abgase bewältigen

An verkehrsreichen Tagen gerät der Verkehrsfluss unter Umständen ins Stocken. Für Motorradfahrende wird Stop-and-Go im Tunnel dann zur körperlichen Belastungsprobe.

Die Röhren des Seelisbergtunnels verfügen über leistungsfähige Lüftungssysteme, dennoch reichern sich bei dichtem Verkehr Abgase zwischen den Lkw-Wänden an. Gleichzeitig strahlen heisse Motoren und asphaltierte Wände Wärme ab. Ohne kühlenden Fahrtwind steigt die Körpertemperatur unter der Schutzkleidung rasch an, was Konzentration und Reaktionsvermögen mindert.

Beachten Sie bei Kolonnenverkehr folgende Verhaltensregeln:

  1. Rechtslage beim Durchschlängeln: Nach Schweizer Verkehrsrecht ist das Vorbeischlängeln an stehenden oder langsam rollenden Fahrzeugkolonnen (Art. 8 Abs. 2 Verkehrsregelnverordnung) nicht gestattet. Bleiben Sie auf Ihrem Fahrstreifen und wahren Sie genügend Abstand zum Vordermann.
  2. Sichtbarkeit sichern: Halten Sie im Stau immer mehrere Meter Distanz zum vorausfahrenden Fahrzeug. Positionieren Sie sich so, dass Sie im Rückspiegel des Vordermanns sichtbar bleiben und im Notfall einen Fluchtwinkel nach links oder rechts haben, falls ein nachfolgendes Fahrzeug zu spät bremst.
  3. Motor abschalten: Kommt der Verkehr für längere Zeit komplett zum Stillstand, stellen Sie den Motor ab. Das schont das Kühlsystem Ihrer Maschine und reduziert die Abgas- und Hitzebelastung für alle Wartenden.
  4. Frischluft dosieren: Trinken Sie vor längeren Tunnelfahrten ausreichend Wasser. Atmen Sie bei schlechter Luftqualität ruhig und flach durch die Nase, um Reizungen der Atemwege zu verringern.

Notsituationen und Pannen: Sicher anhalten auf zwei Rädern

Ein technischer Defekt auf dem Motorrad erfordert im Tunnel schnelles und besonnenes Handeln. Ein platter Reifen oder ein blockierender Antrieb lässt sich nicht wie im Auto einfach ausrollen.

Sollte Ihre Maschine Leistung verlieren oder sich instabil anfühlen, steuern Sie unverzüglich die nächste Nothaltebucht an. Diese Buchten sind im Seelisbergtunnel gut signalisiert und bieten ausreichend Platz, um das Motorrad aus der Gefahrenzone zu bringen.

Schaffen Sie es nicht mehr bis zu einer Bucht, stellen Sie das Fahrzeug so weit rechts wie möglich an der Tunnelwand ab. Schalten Sie die Warnblinkanlage ein, sofern vorhanden, und verlassen Sie die Fahrbahn sofort in Richtung des schmalen Gehwegs am Rand. Laufen Sie nicht auf die Fahrbahn zurück. Benutzen Sie die nächste SOS-Nische: Über die dortigen Notruftelefone erreichen Sie direkt die zuständige Einsatzzentrale, die den betroffenen Fahrstreifen umgehend sperren und Hilfe schicken kann.


Prüfen Sie vor der Tunneleinfahrt auch den Reifendruck.

Die nächste Durchfahrt vorausschauend planen

Eine sichere Fahrt durch den Seelisbergtunnel beginnt bereits vor dem Start der Tour. Prüfen Sie vor der Abfahrt den Zustand Ihres Visiers, stellen Sie den Reifendruck korrekt ein und werfen Sie einen Blick auf die aktuelle Verkehrslage der A2.

 

Bildquellen:
Titelbild: narvikk – istockphoto.com
Bild 1: Migda Alexander – shutterstock.com
Bild 2: Angela Dukich – shutterstock.com
Bild 3: Piyaphorn Promnonsri – istockphoto.com