Wolfsabschuss in der Schweiz: Artenschutz oder Gefahr für die Alpwirtschaft?

Die Schweiz erlebt ein Comeback des Wolfs – und mit ihm eine Polarisierung zwischen Naturschützern und Landwirten. Während die einen den Wolf als Teil der natürlichen Biodiversität betrachten, sehen andere in ihm eine Bedrohung für Alpwirtschaft, Sicherheit und traditionelle Kulturlandschaften.

Besonders der neue Wolfsabschuss-Artikel, der 2023 in Kraft trat, verschärft die Debatte. Wie viel Platz hat der Wolf in der Schweiz – und unter welchen Bedingungen?

Die Rückkehr des Wolfs in die Schweizer Alpen



Der Wolf galt in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert als ausgerottet. Erst in den 1990er Jahren kehrte er über die italienischen Alpen zurück. Heute sind Wölfe in vielen Kantonen wieder heimisch, insbesondere in Graubünden, Wallis, Waadt, Tessin und zunehmend auch im Mittelland.

Wolfsbestände 2025

Laut aktuellen Zahlen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) gibt es in der Schweiz etwa 32 bestätigte Wolfsrudel. Insgesamt wird die Population auf über 300 Tiere geschätzt – Tendenz steigend.

Verbreitung und Reviere

Die meisten Wölfe leben in abgelegenen Bergregionen, doch es mehren sich Sichtungen im Flachland, in der Nähe von Siedlungen. Besonders Reviere wie Calanda, Beverin oder das Simplongebiet gelten als stabil.


Tipp: Aktuelle Karten zu Wolfsrudeln und deren Reviergrenzen stellt das BAFU regelmässig online zur Verfügung – ideal zur Einschätzung von Wander- und Alpbewirtschaftungsrisiken.

Konfliktlinien: Schutzinteresse versus Nutztierschutz

Die Präsenz des Wolfs polarisiert. Während Naturschutzorganisationen wie Pro Natura und WWF die Rückkehr als ökologischen Erfolg feiern, schlagen Landwirte und Alpwirtschaft Alarm. Der Kernkonflikt liegt im Spannungsfeld zwischen Artenschutz und Nutztierschutz.

Verluste bei Nutztieren

Jährlich werden mehrere hundert Schafe, Ziegen und vereinzelt Kälber von Wölfen gerissen. Besonders betroffen sind Kantone mit extensiver Alpwirtschaft. Im Jahr 2024 wurden schweizweit über 1’200 Nutztierrisse registriert – ein Rekordwert.

Emotionale Betroffenheit

Für viele Älpler ist der Verlust eines Tieres mehr als ein finanzieller Schaden. Die symbolische Bedeutung, der Arbeitsaufwand und die emotionalen Bindungen verstärken das Unverständnis gegenüber dem gesetzlichen Schutz des Wolfs.

Herdenschutzmassnahmen



Obwohl der Bund Subventionen für Herdenschutzmassnahmen wie Elektrozäune und Herdenschutzhunde bereitstellt, stossen diese insbesondere im steilen Gelände an praktische Grenzen. Zudem gibt es Kritik an mangelnder Ausbildung und Unterstützung für betroffene Landwirte.


Tipp: Wer in Wolfsgebieten wirtschaftet, kann beim Kanton Unterstützung für Beratung und Umsetzung von Herdenschutzmassnahmen beantragen – oft sind diese Leistungen kostenlos.

Neue Regelung: Der präventive Abschuss wird Realität

Seit dem 1. Juli 2023 gilt in der Schweiz eine neue Wolfsverordnung. Diese erlaubt unter bestimmten Bedingungen präventive Abschüsse – noch bevor ein Wolf Schäden verursacht hat. Dies markiert einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Grossraubtieren.

Rechtlicher Rahmen

Die Grundlage bildet der revidierte Artikel 7 der Jagdverordnung (JSV), der den Kantonen erlaubt, Wolfsrudel gezielt zu regulieren. Voraussetzung: Das Rudel lebt in einer Region mit intensiver Nutztierhaltung, wo Herdenschutz nur beschränkt umsetzbar ist.

Vorgaben für Abschüsse

  • Es müssen mindestens vier Wölfe eines Rudels betroffen sein
  • Die Population darf durch den Eingriff nicht gefährdet werden
  • Vorherige Genehmigung durch das BAFU notwendig
  • Abschuss ist nur zwischen September und Januar erlaubt

Erste Umsetzung im Kanton Wallis

Im Winter 2023/2024 wurden erstmals in mehreren Regionen des Wallis Wölfe präventiv abgeschossen – unter grosser medialer und gesellschaftlicher Beachtung. Die Meinungen darüber gingen weit auseinander: von notwendig bis skandalös.

Reaktionen aus Gesellschaft und Politik

Die Debatte um den Wolf ist längst politisiert. Auf der einen Seite stehen ländlich-konservative Kräfte, auf der anderen urbane Umweltorganisationen. Auch zwischen Kantonen und Bund herrscht nicht immer Einigkeit.

Unterstützung für Regulierung

Vertreter der Landwirtschaft, der Mitte- und SVP-nahe Kreise befürworten eine konsequente Regulierung. Sie fordern ein pragmatisches Gleichgewicht zwischen Schutz und Abschuss – unter Berücksichtigung der Realität in Bergregionen.

Kritik von Naturschutzseite

Organisationen wie Pro Natura, BirdLife und WWF verurteilen die neuen Abschussregeln als Rückschritt im Artenschutz. Sie sehen den präventiven Abschuss als faktischen Freipass für Abschussbefürworter – ohne Rücksicht auf ökologische Folgen.

Rechtslage EU vs. Schweiz

Im Gegensatz zur EU, wo der Wolf als streng geschützte Art gilt (FFH-Richtlinie), erlaubt die Schweizer Regelung weitgehende kantonale Eingriffe. Trotzdem wird stets betont, dass die Population insgesamt nicht gefährdet werden darf.


Tipp: Bei persönlichen Wolfsbegegnungen empfiehlt das BAFU, ruhig zu bleiben, nicht wegzurennen und laut zu sprechen – Angriffe sind extrem selten.

Langfristige Perspektiven: Koexistenz oder Rückzug?

Die Zukunft des Wolfs in der Schweiz hängt stark vom gesellschaftlichen Konsens ab. Nur eine langfristig akzeptierte Lösung kann Konflikte entschärfen. Vorschläge reichen von besseren Herdenschutzprogrammen über regionale Kompromisse bis hin zu Wolfsmanagementplänen mit klaren Obergrenzen.

Koexistenz-Modelle

In Ländern wie Italien oder Frankreich wird mit regionalen Schutz- und Abschusszonen gearbeitet. Auch Pilotprojekte zur besseren Integration von Schutzmassnahmen in Alpwirtschaft sind in der Schweiz angelaufen – mit unterschiedlichem Erfolg.

Forschung und Monitoring

Das nationale Wolfsmonitoring wird laufend ausgebaut: mit DNA-Analysen, Kamerafallen und GPS-Ortung. Ziel ist ein möglichst genaues Bild der Population und deren Auswirkungen auf Landwirtschaft und Biodiversität.

Fazit: Der Wolf bleibt eine Herausforderung

Die Rückkehr des Wolfs ist ein ökologischer Erfolg – doch einer mit Schattenseiten. In der Schweiz stehen Schutzgedanke und Praxis oft im Widerspruch. Die neue Regelung schafft rechtliche Klarheit, löst aber nicht alle Konflikte. Langfristig wird nur ein breiter gesellschaftlicher Dialog zu einem tragfähigen Modell führen.

Koexistenz ist möglich – doch sie braucht Kompromisse, gegenseitigen Respekt und ein aktives Management. Der Wolf ist gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist: Unter welchen Bedingungen?

 

Quelle: tierwelt.news-Redaktion
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