Indien investiert in Technologie: neue Chancen für Schweizer KMU im Dual-Use-Bereich

Als erstes Budget nach der Operation Sindoor hat Indien mit dem Verteidigungshaushalt für das Fiskaljahr 2027 (FY27) die gesamten Verteidigungsausgaben um 15,2 Prozent auf 7’846,8 Milliarden INR (86 Milliarden US-Dollar) erhöht.

Das Budget priorisiert weiterhin die heimische Industrie und reserviert 1’390 Milliarden INR (15,4 Milliarden US-Dollar) der verfügbaren 2’193,4 Milliarden INR (24,3 Milliarden US-Dollar) an Beschaffungsmitteln für inländische Einkäufe. Dieser Schritt dürfte laut GlobalData, einer führenden Plattform für Daten, Analysen und Produktivität, erhebliche Chancen für private Unternehmen im indischen Verteidigungsproduktionssektor schaffen.

Der jüngste Bericht von GlobalData mit dem Titel „India Defense Market Size and Trends, Budget Allocation, Regulations, Key Acquisitions, Competitive Landscape and Forecast, 2025–30“ schätzt, dass sich die kumulierten Verteidigungsausgaben des Landes zwischen 2026 und 2030 auf 543,1 Milliarden US-Dollar belaufen werden. Angesichts des starken Ausgabenanstiegs im FY27-Budget erwartet GlobalData jedoch, dass diese kumulierten Verteidigungsausgaben bis Ende 2031 weiter steigen werden.

Abhijit Apsingikar, Analyst für Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung bei GlobalData, erklärt: „In den vergangenen zehn Jahren hat die indische Regierung versucht, ihren veralteten Verteidigungsbeschaffungsprozess zu reformieren, um die Beteiligung des Privatsektors zu fördern und dessen Fähigkeiten zur Straffung der Beschaffung zu nutzen. Durch die Reservierung eines erheblichen Anteils der Verteidigungsinvestitionen für Käufe bei inländischen Verteidigungsunternehmen hat die Regierung ihre Unterstützung für die lokale Industrie erneut bekräftigt.“

Die höheren Verteidigungsausgaben dürften die Beteiligung des Privatsektors anziehen und beschleunigen. Indische Privatunternehmen wie Tata, L&T und Bharat Forge arbeiten bereits über Lizenz- und Partnerschaftsprogramme mit der staatlichen Forschungseinrichtung Defence Research and Development Organisation (DRDO) zusammen und entwickeln sich zu wichtigen Produktionspartnern für militärische Plattformen wie WhAP-Radpanzer, K9-Haubitzen und ATAGS-Artilleriesysteme. Darüber hinaus kooperiert L&T mit der DRDO bei der Kommerzialisierung von Phosphorsäure-Brennstoffzellentechnologie für Scorpène-U-Boote und wurde kürzlich als Produktionspartner ausgewählt, um ein Automatikgetriebe für 1’500-PS-Hauptkampfpanzer-Motoren zu vermarkten.

Apsingikar ergänzt: „Trotz der zunehmenden Beteiligung des Privatsektors an der Verteidigungsproduktion ist dessen Engagement in Forschung und Entwicklung bislang äusserst begrenzt geblieben. Historisch gesehen war der Privatsektor zurückhaltend, seine Präsenz im Verteidigungs- und Dual-Use-Bereich auszubauen. Dies liegt unter anderem an der Unsicherheit hinsichtlich der Kapitalrendite, die durch die unvorhersehbare und ad-hoc-artige Vergabe von Folgeaufträgen entsteht – ein Problem, das durch die Präferenz des indischen Verteidigungsministeriums für die Aushandlung von Komponentenentwicklungsverträgen auf Basis von ‚No-Cost-No-Commitment‘ (NCNC) zusätzlich verschärft wird. Da das Verteidigungsministerium jedoch aktiv erwägt, das NCNC-Verfahren abzuschaffen, dürfte dies die Bedenken des Privatsektors mindern und unabhängige Forschung und Entwicklung fördern.“

Apsingikar fährt fort: „Mit der Übertragung der Produktion wichtiger Plattformen wie der C-295 und jüngst auch des Advanced Medium Combat Aircraft (AMCA) an den Privatsektor entwickelt sich die Industrie zunehmend dahin, komplette Subsysteme und Baugruppen herzustellen – einschliesslich komplexer elektronischer Komponenten, Radarsysteme sowie Triebwerksbaugruppen für Turbofans und Turbojets.“

Das übergeordnete Ziel der Regierung scheint darin zu bestehen, modernste Forschungsergebnisse in den Privatsektor zu überführen. Mit mehreren Venture-Capital-Programmen und Inkubationsinitiativen wie dem Technology Development Fund (TDF), Innovations for Defence Excellence (iDEX) und iDEX Prime zog das indische Verteidigungs-Start-up-Ökosystem Berichten zufolge im Jahr 2025 Investitionen in Höhe von 247 Millionen US-Dollar an.

Apsingikar schliesst: „Auch wenn weiterhin Bedenken hinsichtlich der Kapitalrendite bestehen, werden die geplante Abschaffung der NCNC-Vertragsbestimmungen in Kombination mit höheren Verteidigungsausgaben die Entwicklung von Technologien und Waffensystemen ermöglichen, die nicht nur den heimischen Bedarf decken, sondern langfristig auch Exportchancen eröffnen werden.“

Was die Entwicklung in Indien für die Schweiz bedeutet

Für die Schweizer Wirtschaft ist der indische Verteidigungs- und Technologieschub aus mehreren Gründen interessant – auch wenn viele Firmen gar nicht direkt im klassischen Rüstungsgeschäft tätig sind.

Erstens öffnet Indien mit seinem höheren Verteidigungsbudget und der klaren Bevorzugung der heimischen Industrie einen riesigen Markt für Dual-Use-Technologien – also Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Dazu gehören unter anderem Präzisionsmaschinen, Sensorik, Elektronik, Software, Antriebstechnik oder Spezialwerkstoffe. Genau in diesen Bereichen sind viele Schweizer Unternehmen traditionell stark.

Zweitens verbessert das neue Handels- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (TEPA) zwischen EFTA und Indien den Marktzugang deutlich. Ein grosser Teil der Zölle auf Schweizer Industrieprodukte wird schrittweise gesenkt oder fällt ganz weg, was Schweizer Exportgüter preislich wettbewerbsfähiger macht. Für Firmen, die Technologien für Luftfahrt, Energie, Sicherheit oder Hightech-Fertigung liefern, ergeben sich damit neue Chancen, als Zulieferer oder Entwicklungspartner in indische Programme einzusteigen.

Drittens gehört Indien schon heute zu den wichtigsten Wachstumsmärkten für Schweizer Exporte – mit hoher Nachfrage nach Maschinen, Präzisionsinstrumenten, chemischen und pharmazeutischen Produkten sowie Engineering- und IT-Dienstleistungen. Wenn Indien nun zusätzlich massiv in Verteidigung, Digitalisierung und Forschung investiert, steigt der Bedarf an genau jenen Lösungen, die Schweizer KMU und Konzerne anbieten: von Test- und Messtechnik über Fertigungsanlagen bis hin zu Cyber-Security oder Datenanalyse.

Gleichzeitig bleibt der Markt anspruchsvoll. Schweizer Unternehmen müssen Exportkontrolle und Dual-Use-Regeln strikt einhalten: Das Güterkontrollgesetz, die Güterkontrollverordnung und die Dual-Use-Listen verpflichten Exporteure, kritische Güter korrekt einzustufen und bei Bedarf eine Ausfuhrbewilligung des SECO einzuholen. Wer Indien als Absatzmarkt nutzen will, sollte deshalb technische Chancen und regulatorische Grenzen von Beginn an zusammen denken – idealerweise mit einem strukturierten Prüfprozess für Exportkontrolle.

Unterm Strich gilt: Indiens Kurs hin zu mehr eigener Verteidigungs- und Hightech-Produktion schafft zusätzliche Nachfrage nach Qualität, Präzision und Know-how – Felder, in denen die Schweiz gut positioniert ist. Für exportorientierte Unternehmen lohnt sich daher ein genauer Blick auf indische Programme, lokale Partnerstrukturen und die Möglichkeiten, sich mit Dual-Use-Technologien als langfristiger Technologie- und Entwicklungspartner zu etablieren.

 

Quelle: GlobalData/businessaktuell.ch-Redaktion
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