Roger Federer: 20 Grand Slams, 310 Wochen auf Rang 1 – die Geschichte einer Legende

Mit zwölf Jahren entschied sich ein Junge aus Basel zwischen Fussball und Tennis. Er wählte Tennis. Was dann folgte, hat nicht nur seinen Sport, sondern den Begriff sportlicher Eleganz für immer verändert.

Roger Federer wurde am 8. August 1981 in Basel geboren. Sein Vater ist Schweizer, seine Mutter Südafrikanerin – eine Herkunft, die ihn bis heute prägt. Mit drei Jahren hielt er zum ersten Mal einen Tennisschläger in der Hand, mit acht Jahren wechselte er in die Tennisschule TC Old Boys. Die Kindheit verlief unspektakulär. Kein Wunderkind wie Steffi Graf oder Andre Agassi, sondern ein Junge, der neben Tennis auch leidenschaftlich Fussball spielte. Mit zwölf Jahren traf er schliesslich die Entscheidung zugunsten des Tennis.

Zwei Männer, die alles veränderten

Zwei Männer prägten seine frühen Jahre entscheidend. Der tschechische Trainer Adolf Kacovsky – im Club liebevoll «Seppli» genannt – legte die ersten technischen Grundlagen. Dann zog der australische Trainer Peter Carter 1993 nach Basel und entdeckte beim TC Old Boys einen Jungen, in dem er das Potenzial für eine ganz grosse Karriere sah. Carter lehrte Federer die technischen Grundlagen, auf denen später sein einzigartiges Spiel basieren sollte. Heute sagt Federer über ihn: „Wenn ich jemandem für meine Technik danken kann, dann Peter.»

Mit 16 Jahren verliess Federer die Schule, um sich ganz auf Tennis zu konzentrieren. Ein mutiger Schritt – und einer, den er nach eigener Aussage nie bereut hat. Als Jugendlicher war er allerdings alles andere als der souveräne Maestro, den die Welt später kennenlernen sollte. Er warf Schläger, wurde wütend und suchte sogar psychologische Unterstützung, um seine Emotionen auf dem Platz in den Griff zu bekommen.

Peter Carters Tod – und der Beginn einer Legende

Bevor Federer zur Legende wurde, erlebte er eine persönliche Tragödie, die seine Karriere für immer prägen sollte. Am 1. August 2002 kam Peter Carter während seiner Flitterwochen in Südafrika bei einem Autounfall ums Leben. Als Federer die Nachricht erhielt, soll er weinend auf die Strasse gerannt sein. Auf dem Tennisplatz stand er wochenlang neben den Schuhen und kassierte als Weltnummer 14 Niederlagen gegen deutlich schwächer klassierte Gegner.

Carters Beerdigung in der Basler Leonard-Kirche wurde zum Schlüsselmoment in Federers Karriere. Wenige Monate später, im Sommer 2003, gewann er in Wimbledon seinen ersten Grand-Slam-Titel. „Ich finde es einfach extrem schade, dass er so vieles von dieser unglaublichen Karriere nicht miterlebt hat», sagt Federer noch heute – oft mit Tränen in den Augen. Bis heute lädt er bei seinen Reisen nach Melbourne Carters Eltern aus dem 700 Kilometer entfernten Adelaide ein. Sie sind die Verbindung zum Jugendfreund, der seine Karriere wie kein anderer geprägt hat.

Die Ära der Dominanz: Zahlen, die die Geschichte neu schrieben

Was folgte, hat die Tennisgeschichte neu geschrieben. Federer stand insgesamt 310 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, davon 237 Wochen in Serie – ein bis heute unangefochtener Rekord. Nie wieder war ein Tennisspieler länger ununterbrochen auf Rang 1 als Federer zwischen 2004 und 2008. In dieser Zeit gewann er über 90 Prozent seiner Matches.


Fünfmal gewann Federer die US Open – hier der Moment des Triumphs auf dem Hartplatz in New York, einem seiner vier Grand-Slam-Schauplätze.

In seiner 24-jährigen Profikarriere sammelte er 103 ATP-Einzel-Titel, darunter 20 Grand Slams, 28 Masters-Titel und sechs ATP Finals. Mit acht Einzeltiteln ist er alleiniger Rekordsieger in Wimbledon. Er ist einer von nur acht Spielern, die alle vier Grand-Slam-Turniere mindestens einmal gewonnen haben – und einer von nur vier, die das auf drei verschiedenen Belägen schafften: Rasen, Hartplatz und Sand. Besonders beeindruckend war seine Konstanz über die Jahrzehnte. 23 Grand-Slam-Halbfinals in Folge erreichte er – Rekord. Im Jahr 2005 bestritt er 85 Matches und verlor dabei gerade einmal viermal.

Federer gegen Nadal: Die grösste Rivalität des Sports

Kein Kapitel seiner Karriere ist so reich wie jenes, das er gemeinsam mit Rafael Nadal geschrieben hat. Die Rivalität zwischen dem eleganten Schweizer und dem unermüdlichen Spanier gilt als eine der grössten in der Sportgeschichte überhaupt. Neunmal standen sie sich in Grand-Slam-Finals gegenüber.


Gegner auf dem Platz, Freunde daneben: Federer und Nadal beim Laver Cup.

Das Wimbledon-Finale 2008, das Nadal nach fast fünf Stunden in der Abenddämmerung gewann, gilt bis heute als eines der besten Tennisspiele aller Zeiten. Aus dem härtesten Konkurrenten wurde mit den Jahren ein enger Freund. Nadal brachte es einmal so auf den Punkt: „Mit Roger geht auch ein wichtiger Teil meines Lebens. Weil er einfach immer da war.»

Video-Tipp: Roger Federer über seine Zukunft – Gredig direkt

Kurz vor seinem Rücktritt sprach Roger Federer auf Schweizerdeutsch mit Sandro Gredig über seine Karriere, seinen Abschied und das Leben nach dem Tennis. Ein seltenes, persönliches Gespräch mit dem Maestro.



Der Abschied: Ein letzter Tanz mit Nadal in London

Am 15. September 2022 verkündete Federer sein Karriereende. Knieprobleme nach mehreren Operationen liessen keine Rückkehr auf das höchste Niveau mehr zu. Sein letztes Spiel bestritt er, wie es zur Geschichte passte: an der Seite von Rafael Nadal, in der O2 Arena in London, vor 20’000 Zuschauern, die sich zum finalen Applaus erhoben.

Das Doppel mit Nadal gegen Jack Sock und Frances Tiafoe ging im Match-Tiebreak mit 6:4, 6:7 und 9:11 verloren. Das Ergebnis spielte keine Rolle. John McEnroe, der als Captain von Team World an der Seitenlinie stand, brachte es auf den Punkt: „Roger ist der Inbegriff dessen, was man sich für sein Kind wünscht. Und er ist der schönste Spieler, den ich je habe spielen sehen.»

Federer selbst fasste es mit gewohnter Gelassenheit zusammen: „Es war eine perfekte Reise. Ich würde alles wieder so machen.»

Mehr als ein Sportler

Roger Federer hat Tennis nicht nur gespielt – er hat ihm eine Ästhetik gegeben, die weit über den Sport hinaus wirkt. Die einhändige Rückhand, die schwebenden Bewegungen, das souveräne Lächeln nach einem unmöglichen Winner. Dazu kommt das soziale Engagement: Seit der Gründung im Jahr 2003 unterstützt die Roger Federer Foundation Bildungsprojekte im südlichen Afrika und in der Schweiz. Bis Ende 2020 wurden bereits 1,75 Millionen Kinder durch die Stiftung gefördert.

Fünfmal wurde er zum Weltsportler des Jahres gewählt – öfter als irgendjemand sonst. Die Schweiz hat in ihrer Geschichte viele grosse Sportler hervorgebracht. Einen wie Roger Federer wird sie so schnell nicht wieder erleben.

 

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