Fisser Blochziehen 2026: Archaischer Fasnachtsbrauch als lebendiges UNESCO-Erbe

Sobald am 25. Januar 2026 die Kirchturmuhr 12.30 Uhr schlägt, verwandelt sich Fiss in eine Freiluftbühne für einen der ältesten Fasnachtsbräuche im Alpenraum.

Schellen zerreissen die Stille, der Fuhrmann führt mit seiner Goassl das Kommando. Hexen tanzen, der Schwoaftuifl neckt, der Bajatzl turnt auf den Dächern, während 60 Männer in historischen Kostümen und mit traditionellen Holzmasken einen 30 Meter langen Zirbenstamm auf einem Holzschlitten durch das Dorf ziehen. Was einst dazu diente, den Winter auszutreiben, ist heute immaterielles Kulturerbe der UNESCO und findet nur alle vier Jahre statt.


Ende Januar 2026 ist es endlich wieder soweit: Fiss verwandelt sich in eine Freiluftbühne für Fuhrmann, Schallner, Schwoaftuifl und Co.

„Iatz geats los!“ Mit diesem Ruf übernimmt der Fuhrmann die Regie über ein Schauspiel, das so alt ist, dass seine Ursprünge im Dunkel der Geschichte liegen. Er schwingt die Goassl (Peitsche), einmal, zweimal – das Knallen hallt durch Fiss im oberen Tiroler Inntal. Hinter ihm zerren 60 Männer einen sechs Tonnen schweren Zirbenstamm auf Holzkufen durch die engen Gassen des 1’056-Seelen-Dorfs. Der Bloch ist mehr als ein Baumstamm. Er gilt als Symbol für den Pflug, der die gefrorenen Felder aufbricht, damit der Frühling kommen kann.

Doch der Winter gibt nicht kampflos auf. Der Schwoaftuifl mit seiner geschmiedeten Gabel versucht, den Zug zu bremsen, Hexen wirbeln mit ihren Besen um den Bloch, als wollten sie ihn zurück in den Wald fegen. Auf den Dächern turnt der Bajatzl und bringt die Zuschauer zum Lachen, während unten die Schallner mit ihren dröhnenden Glocken das Böse vertreiben.




Das Fisser Blochziehen ist ein vorchristlicher Brauch mit Elementen eines Fruchtbarkeitsfestes. Die ältesten konkreten Hinweise auf ein Blochziehen in Tirol führen zurück ins ausgehende Mittelalter. Jede Maske spielt eine Rolle und jede Geste trägt eine Bedeutung. Dorfbewohner jeden Alters sind daran beteiligt.

Die Frauen kümmern sich um die Kostüme, die Schnitzer um die Holzmasken. Seit 2011 gehört der Brauch zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe. Nicht als nostalgische Folklore, sondern als lebendige Tradition, die ein Dorf mit jeder Generation neu belebt. „Für uns ist das Blochziehen viel mehr als ein Spektakel für Gäste. Es ist ein Stück Identität, das wir von Generation zu Generation weitergeben“, sagt Martin Pregenzer, der Obmann des Fisser Blochziehens.

Die Leitfigur des Umzugs im Jahr 2026 ist der Fuhrmann. Seine Hände haben die Goassl fest im Griff. „Wenn die Goassl knallt und der Bloch sich in Bewegung setzt, hält das ganze Dorf für einen Moment den Atem an“, beschreibt Pregenzer die besondere Spannung dieses Tages. Gemeinsam mit den Praxern, seinen engsten Helfern, lenkt der Fuhrmann den Schlitten mit dem bis zu 30 Meter langen Zirbenstamm durch die engen Gassen von Fiss. Vor ihm springen die Schallner und Mohrelen mit ihren grossen und kleinen Glocken, die jeden Schritt ankündigen.






Mit ihren freundlichen Masken sollen sie das Böse vertreiben. Dahinter folgen die Paarlen, die Holzer und die Jäger. Alle haben ihre zugewiesene Rolle und sind Teil eines Rituals, das seit Generationen nach denselben Regeln abläuft. Ganz hinten kommt der Schwoaftuifl mit seiner geschmiedeten Gabel. Er tanzt um den Bloch, stört, bremst, will den Winter nicht weichen lassen. Die Hexen fegen mit ihren Besen nach den Zuschauern, wirbeln herum. Ein archaisches Kräftemessen: Frühling gegen Winter, Gut gegen Böse.

Der Bloch rutscht über die Schneeschicht, knirscht an Hauswänden vorbei, bleibt an engen Kurven hängen. Tausende säumen die Strassen. Nach drei Stunden erreicht der Zug den Fonnesplatz, wo der Bürgermeister den Bloch schliesslich versteigert. Der Erlös geht an die Dorfgemeinschaft und soziale Einrichtungen.



Tradition und Gemeinschaft

Das Blochziehen ist Ehrensache, fast jede Fisser Familie ist involviert. Rund 350 Fisser Männer ab 15 Jahren nehmen am Umzug teil. Ursprünglich war das Fisser Blochziehen ein Brauch der ledigen Burschen. Seit 1969 dürfen jedoch auch Verheiratete mitmachen. Die Frauen bleiben zwar im Hintergrund, doch sie halten die Fäden in der Hand. Sie nähen monatelang an den Kostümen, schminken die Teilnehmer und restaurieren jedes Jahr die Masken und Gewänder.

Eine Kuriosität: Früher fand das Blochziehen nur statt, wenn im gesamten Jahr zuvor niemand im Dorf geheiratet hatte. Heute folgt der Brauch aber einem festen Vierjahresrhythmus. Seit einem halben Jahrhundert gibt es zudem auch Kinderblochziehen. Das nächste Mal 2028.

 

Quelle: Serfaus-Fiss-Ladis Marketing
Bildquelle: Serfaus-Fiss-Ladis Marketing / Andreas Kirschner

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