Tennis in der Schweiz: Vom Kurort-Vergnügen zur Grand-Slam-Nation – eine Erfolgsgeschichte
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag Inspiration Karriere Lifestyle Magazine nachrichtenticker.ch News People Sport sportaktuell.ch Tennis Themen Trends Zubehör Ⳇ Verbreitung
Von einem importierten Gesellschaftsspiel englischer Feriengäste zur Tennis-Grossmacht mit Grand-Slam-Rekordhalter, Davis-Cup-Titel und Olympiasiegen: Kaum ein Land hat in den letzten 140 Jahren eine derart steile Tenniskarriere hingelegt wie die Schweiz.
Was in mondänen Kurorten am Genfersee begann, ist heute einer der grössten Schweizer Sportverbände mit hunderttausenden Mitgliedern. Ein Blick auf die belegten Fakten dieser Geschichte zeigt, wie eng Tradition und sportliche Weltklasse in der Schweiz miteinander verbunden sind.
Die Anfänge: ein importiertes Spiel aus England
Die erste belegte Erwähnung von Tennisspielern in der Schweiz stammt aus dem Jahr 1883 aus Basel. Im selben Jahr gründeten Schweizer und Engländer in Lausanne mit dem „Club anglais de Lawn Tennis» einen der ersten Tennisclubs des Landes. Kurz darauf folgten weitere Clubgründungen in Basel, Bern, Montreux, Zürich, Bad Ragaz, Engelberg und Luzern – durchwegs Orte, die über Tourismus oder Geschäftsbeziehungen eng mit Grossbritannien verbunden waren. Mit dem Spiel kam auch das dazugehörige gesellschaftliche Prestige ins Land: Tennis war zunächst ein Vergnügen der noblen Kurgesellschaft, lange bevor es zum Breitensport wurde.
Ein Verband wird gegründet: Swiss Tennis seit 1896
Am 28. Juni 1896 gründeten acht Clubs in Bern die „Schweizerische Lawn-Tennis Association» – den Vorläufer des heutigen Verbands Swiss Tennis. Ziel war es, die noch junge Turnierszene zu regeln und eine offizielle Schweizer Meisterschaft auszutragen. Die Struktur des organisierten Tennissports in der Schweiz entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich weiter: 1911 wurde die Herren-Interclub-Liga ins Leben gerufen, 1925 folgte die entsprechende Damenliga. Seit 1914 gibt es zudem die Lizenz, mit der sich Spielerinnen und Spieler offiziell klassieren lassen und an Turnieren teilnehmen können. Bis 1996 war die Geschäftsstelle des Verbands über mehrere Standorte verteilt – unter anderem Ittigen, Burgdorf, Ecublens, Horgen und Locarno –, bevor die Kräfte am heutigen Sitz in Biel gebündelt wurden, wo sich seither auch das Nationale Leistungszentrum befindet.
Vom Verein zur Massenbewegung
Aus der kleinen Gründerriege ist längst eine der grössten Sportorganisationen des Landes geworden. Swiss Tennis zählte 2023 rund 167’000 Mitglieder und gehört damit zu den drei grössten Fachverbänden der Schweiz. Angeschlossen sind dem Verband knapp 900 Tennisclubs und -center im ganzen Land. 2022 verfügte die Schweiz über insgesamt 3601 Tennisplätze, davon rund 650 in Hallen – eine für die Landesgrösse aussergewöhnlich hohe Dichte, die massgeblich zur Breite des Schweizer Tennissports beiträgt.
Die goldene Ära: Rekorde im Grand-Slam-Palmarès
International bekannt wurde die Schweizer Tennisgeschichte vor allem durch drei Namen: Roger Federer, Martina Hingis und Stan Wawrinka. Zusammen gewannen sie 28 Grand-Slam-Turniere im Einzel – eine Bilanz, die auf ein derart kleines Land bezogen ihresgleichen sucht. Federer allein steuerte 20 Titel bei, Hingis fünf und Wawrinka drei.
Nach Turnieren aufgeschlüsselt dominierten Schweizer Spielerinnen und Spieler die Australian Open (sechsmal Federer, dreimal Hingis, einmal Wawrinka), gefolgt von Wimbledon (achtmal Federer, einmal Hingis) und den US Open (fünfmal Federer, je einmal Wawrinka und Hingis). Beim French Open, dem einzigen Sand-Major, gelangen je ein Titel Federer und Wawrinka. Hingis avancierte 1997 im Alter von 16 Jahren zudem zur bis heute jüngsten Weltranglistenersten der Tennisgeschichte.
Teamerfolge: Davis Cup und Billie Jean King Cup
Auch im Mannschaftstennis liess die Schweiz lange auf sich warten – dafür wurde der Erfolg umso grösser gefeiert. Seit 1923 nimmt die Schweizer Davis-Cup-Mannschaft am wichtigsten Teamwettbewerb im Herrentennis teil. Nach einer verlorenen Finalteilnahme 1992 (mit Marc Rosset und Jakob Hlasek gegen die USA) gelang am 23. November 2014 der bislang einzige Titelgewinn: Vor 27’432 Zuschauerinnen und Zuschauern im zur Tennisarena umgebauten Fussballstadion von Lille bezwang die Schweiz um Roger Federer und Stan Wawrinka, unterstützt von Marco Chiudinelli und Michael Lammer, Gastgeber Frankreich mit 3:1.
Bei den Frauen nimmt die Schweiz seit 1963 am Billie Jean King Cup (bis 2020 Fed Cup) teil. Nach verlorenen Endspielen 1998 gegen Spanien und 2021 gegen Russland gelang am 13. November 2022 in Glasgow der erste Titelgewinn: Angeführt von der amtierenden Olympiasiegerin Belinda Bencic bezwang das Schweizer Team Australien mit 2:0. Als Folge dieses Erfolgs übernahm die Schweiz im April 2023 erstmals in ihrer Geschichte die Spitze der Nationenwertung im Frauentennis.
Video-Tipp: Der Davis-Cup-Triumph von 2014
Wer sich das entscheidende Doppel von Federer und Wawrinka aus dem Davis-Cup-Final 2014 noch einmal in voller Länge ansehen möchte, findet hier die offizielle Aufzeichnung des Weltverbands ITF.
Olympisches Silber und Gold
Auch bei Olympischen Spielen gehört die Schweiz zu den erfolgreichsten Tennisnationen. 1992 in Barcelona gewann Marc Rosset im Einzel Gold – bis heute die einzige Schweizer Goldmedaille im Tennis, die nicht auf Federer, Wawrinka oder Bencic zurückgeht. 2008 in Peking holten Federer und Wawrinka gemeinsam Doppel-Gold, 2012 in London gewann Federer im Einzel Silber. 2016 in Rio de Janeiro sicherten sich Martina Hingis und Timea Bacsinszky Silber im Doppel. Den bislang letzten grossen Coup landete Belinda Bencic 2021 in Tokio: Sie gewann Einzel-Gold und tags darauf gemeinsam mit Viktorija Golubic zusätzlich Silber im Doppel.
Swiss Indoors Basel – die Traditionsbühne
Neben den internationalen Erfolgen hat die Schweiz mit den Swiss Indoors Basel auch ein eigenes Turnier von Weltrang hervorgebracht. Roger Brennwald gründete den Anlass 1970 zunächst in einer Traglufthalle, bevor das Turnier 1975 in die neu gebaute St. Jakobshalle umzog. Ab 1977, als Björn Borg triumphierte, gehörten die Swiss Indoors zur damaligen Grand-Prix-Tour; seit 2009 zählen sie zur ATP-Tour-500-Kategorie. Kein anderer Spieler prägte das Turnier so stark wie der gebürtige Basler Roger Federer, der einst selbst als Balljunge in der St. Jakobshalle unterwegs war: Mit zehn Titeln (2006 bis 2008, 2010, 2011, 2014, 2015 sowie 2017 bis 2019) und 15 Finalteilnahmen hält er gleich zwei Rekorde des Turniers. Auch zwei weitere Schweizer standen als Sieger fest: Michel Burgener 1972 und Jakob Hlasek 1991. Mit seiner Position als drittgrösstes Hallenturnier der Welt nach Paris und Shanghai gehören die Swiss Indoors bis heute zu den grössten Sportveranstaltungen des Landes.
Eine Erfolgsgeschichte mit Zukunft
Von den ersten Ballwechseln englischer Feriengäste am Genfersee bis zum Grand-Slam-Rekordhalter, dem ersten Davis-Cup-Titel und der Nummer 1 der Nationenwertung im Frauentennis: Die Schweizer Tennisgeschichte zeigt, wie aus einer kleinen, importierten Freizeitbeschäftigung über mehr als 140 Jahre eine der erfolgreichsten Tennisnationen der Welt werden konnte. Mit rund 900 Clubs und Centern sowie über 3600 Plätzen bleibt dabei auch die breite Vereinsstruktur die Basis für alles, was auf den grossen Bühnen des Weltsports folgte.
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