Flughafen St. Gallen-Altenrhein: 100 Jahre Luftfahrt zwischen Bodensee, Rheintal & Alpen
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Zwischen Bodensee, Alpenrhein und österreichischer Grenze liegt ein Flugplatz, dessen Geschichte mit einem technischen Wagnis begann. Claude Dornier liess in Altenrhein das damals grösste Flugzeug der Welt bauen: das zwölfmotorige Flugboot Do X. Aus dem dafür geschaffenen Werksflugplatz entwickelte sich ein Standort, an dem heute Linien- und Ferienflüge, Geschäftsreisen, Flugschulen, Wartungsbetriebe und Flugsport zusammentreffen.
Der Flughafen St. Gallen-Altenrhein ist kleiner als Zürich, Genf oder Basel. Genau darin liegt sein eigenes Profil. Kurze Wege verbinden die Ostschweiz und die angrenzenden Regionen mit Wien und saisonalen Ferienzielen. Gleichzeitig erinnert fast jeder Winkel an die Industrie- und Luftfahrtgeschichte des Rheintals. Dieses Porträt zeigt, wie der Flugplatz entstand, welche Aufgaben er heute erfüllt und weshalb seine Zukunft weit über die Zahl der Linienpassagiere hinaus diskutiert wird.
Ein Flugplatz zwischen vier Ländern
Der Flugplatz befindet sich in Altenrhein, einem Ortsteil der St. Galler Gemeinde Thal. Nur wenige Kilometer trennen ihn von Österreich. Auch Liechtenstein, Süddeutschland, das St. Galler Rheintal und die Bodenseeregion liegen in seinem Einzugsgebiet. Der Standort trägt die internationalen Kennungen ACH und LSZR.
Im Alltag wird meist vom Flughafen gesprochen. Luftfahrtrechtlich führt der Bund St. Gallen-Altenrhein jedoch als privates Flugfeld beziehungsweise als Regionalflugplatz. Der Unterschied ist mehr als eine sprachliche Feinheit: Für einen Ausbau des Linienverkehrs wäre eine Betriebskonzession erforderlich. Diese soll gemäss den Planungsgrundlagen nur im Einvernehmen mit Österreich erfolgen. Grundlage des heutigen Betriebs sind unter anderem ein schweizerisch-österreichischer Staatsvertrag von 1991, eine Verwaltungsvereinbarung von 1992 und das geltende Betriebsreglement.
Der aktuelle Sachplanentwurf des Bundes beschreibt die Aufgabe klar: Altenrhein soll die Ostschweiz und das benachbarte Ausland an den nationalen und internationalen Luftverkehr anbinden. Priorität haben Linien-, Charter- und Geschäftsreiseverkehr. Innerhalb der festgelegten Grenzen dienen Anlage und Piste zudem der Aus- und Weiterbildung sowie dem Flugsport.
1926: Claude Dornier legt den Grundstein
Die Geschichte beginnt 1926. Der Flugzeugkonstrukteur Claude Dornier suchte einen geeigneten Ort für den Bau seines Flugboots Do X. Das riesige Fluggerät sollte auf dem Wasser starten und landen. Altenrhein bot Platz am Bodensee und zugleich ein industriell nutzbares Gelände. Dornier gründete hier die Dornier Flugzeugwerke. 1927 entstand eine rund 600 Meter lange Graspiste.
Die Do X wurde zum Sinnbild einer Epoche, in der Ingenieure die Grenzen der Luftfahrt neu ausloteten. Das Flugboot besass zwölf Motoren und war bei seinem Erstflug 1929 das grösste Flugzeug seiner Zeit. Der internationale Durchbruch blieb aus. Für Altenrhein war das Projekt trotzdem folgenreich: Werkhallen, technisches Wissen und ein Flugfeld waren vorhanden. Damit begann eine Verbindung von Luftfahrt und Industrie, die den Standort bis heute prägt.
Zwischen 1935 und 1939 gab es erste Linienverbindungen. Flugzeuge flogen von Altenrhein nach Innsbruck, München, Dübendorf und Basel. Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung. Danach verlagerte sich der Schwerpunkt erneut auf Entwicklung, Fertigung und Unterhalt.
Von den Flug- und Fahrzeugwerken zum Aviatikstandort
1948 übernahm der Industrielle Claudio Caroni die Dornier Flugzeugwerke und führte sie als FFA Flug- und Fahrzeugwerke weiter. Der Name verweist auf die beiden grossen Tätigkeitsfelder. In Altenrhein entstanden Flugzeuge, Schienenfahrzeuge und technische Komponenten. Die FFA entwickelte unter anderem Trainingsflugzeuge und arbeitete an der Weiterentwicklung des Schweizer Militärflugzeugs P-16.
Die späteren Eigentümerwechsel trennten Fahrzeugbau, Flugzeugbau, Wartung, Immobilien und Flugplatzbetrieb zunehmend voneinander. 1987 ging der Fahrzeugbereich an Schindler. Der Flugbereich wurde weiterverkauft. 1994 übernahm das Bauunternehmen Gautschi die Flugzeugwerke und den Airport, im Jahr 2000 folgte die Familie Strikwerda. Teile der Flugzeugwartung gelangten später zu Pilatus.
Was zunächst nach einer zersplitterten Unternehmensgeschichte klingt, erklärt die heutige Struktur des Standorts. Rund um die Piste arbeiten verschiedene Aviatikbetriebe. Wartung, technische Dienstleistungen, Flugschulen und Museum bestehen neben dem Passagierverkehr. Der Flugplatz ist daher zugleich Verkehrsinfrastruktur, Arbeitsplatz, Ausbildungsort und Erinnerungsstätte.
Die Wien-Verbindung wird zum Rückgrat
Der moderne Linienverkehr ist eng mit Wien verbunden. Die offizielle Chronik nennt 1988 die Konzessionierung der Rheintalflug für die Strecke. Ab 1991 kamen Maschinen von Austrian Airlines zum Einsatz. Auf kleinere Dash-8-Turboprops folgten Embraer- und Fokker-Jets. Flugzeugtypen und Frequenzen wechselten, die Verbindung zur österreichischen Hauptstadt blieb jedoch der bestimmende Linienkurs.
2008 kaufte Dieter Bührle den Flughafen. Ein Jahr später beteiligte sich Markus Kopf zur Hälfte, 2010 wurde er alleiniger Eigentümer. Im selben Jahr gründete der Airport mit People’s Viennaline eine eigene Fluggesellschaft. Sie erhielt im März 2011 ihr Luftverkehrsbetreiberzeugnis und nahm vier Tage später den Flugbetrieb nach Wien auf.
Heute tritt die Airline als People’s auf. Auf der Kernstrecke wird ein Embraer 170 mit 76 Sitzplätzen eingesetzt. Wien ist für viele Reisende das eigentliche Ziel. Der Flughafen Wien bietet zugleich zahlreiche Anschlüsse. Für ein kleines Streckennetz ist dieser Zugang zu einem internationalen Drehkreuz besonders wichtig.
So sieht der heutige Betrieb aus
Die befestigte Start- und Landebahn ist 1’455 Meter lang. Instrumentenflugverfahren ermöglichen An- und Abflüge auch dann, wenn eine rein visuelle Navigation nicht ausreicht. Die Länge und die betrieblichen Vorgaben setzen der Grösse und dem Gewicht der eingesetzten Flugzeuge Grenzen. Altenrhein ist damit auf Regionaljets, Turboprops, Geschäftsreiseflugzeuge und kleinere Maschinen ausgerichtet.
Zum gewerblichen Verkehr gehören Linien-, Charter-, Transport-, Rund- und Arbeitsflüge. Daneben verzeichnet der Flugplatz Motor-, Helikopter- und Segelflug, Aus- und Weiterbildungsflüge, Werkflüge sowie Flugsport. Für 2024 weist die gemeinsame Zivilluftfahrtstatistik von BFS und BAZL insgesamt 26’451 Starts und Landungen aus. Davon entfielen 4’392 auf gewerbliche Flüge mit Motorflugzeugen, 64 auf gewerbliche Helikopterflüge und 21’995 auf nicht gewerblichen Verkehr.
Die Aufteilung zeigt, warum Passagierzahlen allein zu kurz greifen. Im Linien- und Charterverkehr wurden 2024 insgesamt 63’694 ankommende und abfliegende Passagiere gezählt. Zum Vergleich: 2019 waren es 107’637. Die Gesamtzahl der Bewegungen bleibt jedoch stark durch Ausbildung, Privatflüge und weitere Sparten geprägt.
Als Zollflugplatz kann Altenrhein internationale Ankünfte und direkte Abflüge ins Ausland abfertigen. Schengen- und Nicht-Schengen-Verkehr sind möglich. Für Geschäftsflugzeuge stehen Abfertigung, Zollprozesse, Abstellflächen und weitere Bodendienste zur Verfügung. Das ist für Unternehmen und Reisende aus einer grenzüberschreitend verflochtenen Wirtschaftsregion ein wichtiger Teil des Angebots.
Linienflug, Ferienverkehr und Business Aviation
Die Verbindung nach Wien bildet das ganzjährige Grundangebot. Im Sommer kommen direkte Ferienflüge zu europäischen Zielen hinzu. Das Programm ändert sich je nach Saison, Nachfrage und Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern. Deshalb sollten konkrete Ziele und Flugtage stets im aktuellen Flugplan geprüft werden. 2026 führt das offizielle Angebot unter anderem Destinationen in Kroatien, Griechenland, Italien und Spanien.
Ein weiterer Pfeiler ist die Business Aviation. Die Nähe zu St. Gallen, Bregenz, Vaduz und den Industriestandorten des Rheintals verkürzt die Anreise für Geschäftsreisende. Gleichzeitig verlangt dieses Segment flexible Abläufe, Abfertigung ausserhalb des Linienplans und passende Zollmöglichkeiten.
Die Universität St. Gallen beziffert den regionalen Beitrag in einer 2025 veröffentlichten Studie auf eine geschätzte Bruttowertschöpfung zwischen 35 und 63 Millionen Franken. Direkt, indirekt und durch ausgelöste wirtschaftliche Effekte seien rund 608 Arbeitsplätze beziehungsweise 399 Vollzeitäquivalente mit dem Standort verbunden. Solche Modellrechnungen sind keine exakte Kassenabrechnung. Sie zeigen aber, dass der Nutzen nicht an Ticketverkäufen endet.
Kurze Wege als wichtigstes Passagierversprechen
Altenrhein kann weder bei der Zahl der Ziele noch bei den täglichen Frequenzen mit einem Landesflughafen konkurrieren. Sein Vorteil liegt im überschaubaren Ablauf. Parkplatz, Check-in, Sicherheitskontrolle, Lounge und Flugzeug liegen nah beieinander. Wer aus dem Rheintal, aus Vorarlberg oder Liechtenstein anreist, spart unter günstigen Bedingungen den langen Weg zu einem grösseren Flughafen.
Die Bushaltestelle «Altenrhein, Flugplatz» befindet sich direkt neben dem Parkplatz P1. Regelmässige Verbindungen führen nach Rorschach und Rheineck. Beide Bahnhöfe verfügen über Anschlüsse in weitere Schweizer Regionen und ins benachbarte Ausland. Dennoch bleibt das Auto für viele Passagiere wichtig, weil das Einzugsgebiet ländliche und grenzüberschreitende Räume umfasst.
Die kurzen Wege dürfen nicht mit einem beliebig späten Erscheinen verwechselt werden. Sicherheitskontrollen, Gepäckaufgabe, Dokumentenprüfung und Boarding bleiben verbindlich. Ebenso sollten Reisende vor der Abfahrt den Flugstatus und die aktuellen Angaben des Flughafens prüfen. Fahrplan, Baustellen und Betriebszeiten können sich ändern.
Flugschulen, Wartung und Museum
Wer Altenrhein nur als Abflugort wahrnimmt, übersieht einen wesentlichen Teil seiner Identität. Flugschulen nutzen den Platz für die Ausbildung. Wartungs- und Spezialbetriebe arbeiten an Flugzeugen und Komponenten. Rundflüge machen die Bodensee- und Alpenlandschaft aus der Luft erlebbar. Diese Vielfalt schafft Fachwissen, Arbeitsplätze und Nachwuchs für die Aviatik.
Das Fliegermuseum Altenrhein bewahrt flugfähige historische Maschinen, Dokumente und Technik. Es knüpft an die Geschichte der Flug- und Fahrzeugwerke an. Damit bleibt das industrielle Erbe nicht auf Tafeln beschränkt. Besucher können nachvollziehen, wie eng Konstruktion, Handwerk und Flugbetrieb am Standort verbunden waren.
Wer eine Reise in die Region verlängern möchte, findet im redaktionellen Überblick «Kanton St. Gallen entdecken» weitere Ziele zwischen Bodensee, Rheintal, Toggenburg und Walensee.
Lärm, Klima und finanzielle Grenzen
Ein Flugplatz in einem dicht genutzten Talraum bringt Zielkonflikte mit sich. Die Region erwartet Erreichbarkeit und Arbeitsplätze. Anwohner haben Anspruch auf Schutz vor Lärm. Hinzu kommt die Klimawirkung des Flugverkehrs. Ein Porträt des Standorts wäre unvollständig, wenn es diese Spannungen ausblenden würde.
Der Sachplan begrenzt die Entwicklung durch ein Gebiet mit Lärmbelastung und sieht keine Erleichterungen nach der Lärmschutzverordnung vor. Als langfristiges betriebliches Potenzial sind 36’500 Motorflugbewegungen pro Jahr festgelegt. Der schweizerisch-österreichische Vertrag spielt ebenfalls eine Rolle, weil An- und Abflüge den grenznahen Raum betreffen.
Auch die Finanzierung bleibt ein Dauerthema. Die Flugsicherung an Regionalflugplätzen verursacht Fixkosten, die sich auf vergleichsweise wenige gewerbliche Bewegungen verteilen. Im Zusammenhang mit dem Entlastungspaket 27 wurden deutliche Kürzungen der Bundesbeiträge diskutiert. Der Flughafen verschob deshalb 2025 eine umfassende Pistensanierung und kündigte stattdessen Reparatur- und verstärkte Unterhaltsmassnahmen an. Politische Entscheide und die langfristige Finanzierung beeinflussen damit, welche Investitionen möglich sind.
100 Jahre Flugplatz: Jubiläum und Standortfrage
Im Jahr 2026 blickt Altenrhein auf ein Jahrhundert Luftfahrtgeschichte zurück. Vom 28. bis 30. August 2026 ist auf dem Flugplatzgelände eine Jubiläumsfeier geplant. Sie rückt historische Flugzeuge, heutige Betriebe und die Menschen hinter dem Standort in den Mittelpunkt.
Welche Vorführungen und Höhepunkte für das Jubiläumswochenende angekündigt sind, fasst der redaktionelle Beitrag «Flugplatz Altenrhein feiert 100 Jahre mit grosser Airshow im August» zusammen.
Das Jubiläum ist mehr als ein Rückblick auf Claude Dornier und die Do X. Es fällt in eine Phase, in der Regionalflugplätze ihren Nutzen neu erklären müssen. Welche Verbindungen braucht die Ostschweiz? Wie lassen sich Lärm und Emissionen begrenzen? Wer finanziert Flugsicherung und Infrastruktur? Und welche Rolle spielen Ausbildung, Technikbetriebe und Business Aviation neben dem Linienverkehr?
Altenrhein zeigt, dass ein kleiner Flughafen viele Funktionen zugleich übernehmen kann. Seine Zukunft hängt jedoch davon ab, ob diese Funktionen wirtschaftlich tragfähig, politisch akzeptiert und mit den Interessen der Umgebung vereinbar bleiben.
Eine Geschichte, die am Boden weitergeschrieben wird
Der Flughafen St. Gallen-Altenrhein steht für hundert Jahre technische Ambition und regionale Veränderung. Aus einem Werkplatz für ein spektakuläres Flugboot wurde ein vielfältiger Aviatikstandort. Die Verbindung nach Wien hält die Tradition des Linienverkehrs lebendig. Ferienflüge, Business Aviation, Ausbildung, Wartung und Museum verbreitern seine Basis.
Gerade die kompakte Grösse macht seinen Charakter aus. Reisende erleben kurze Wege. Unternehmen erhalten einen Zugang zum europäischen Luftverkehr. Fachbetriebe finden eine gemeinsame Infrastruktur. Gleichzeitig bleiben Investitionen, Lärmschutz, Klimawirkung und Finanzierung anspruchsvolle Aufgaben. Die Geschichte von Altenrhein ist deshalb nicht abgeschlossen. Der Ort zeigt, wie eng Luftfahrtgeschichte und Zukunftsfragen beieinanderliegen.
Die 50-minütige ORF-Dokumentation «Hoch hinaus – Der Flugplatz St. Gallen-Altenrhein» zeichnet die Entwicklung vom Dornier-Flugboot bis zum heutigen Betrieb nach. Historische Aufnahmen, Zeitzeugen und aktuelle Einblicke zeigen zugleich, weshalb der Standort auch für das benachbarte Vorarlberg eine besondere Bedeutung besitzt.
Quellen: People’s Air Group; Bundesamt für Zivilluftfahrt; Bundesamt für Statistik; Universität St. Gallen, Center for Aviation and Space Competence; Bundesrat; Schweizer Parlament; ORF
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