WM-Bronze trotz Team-Aus – Nicole Koller wartet weiter auf ihren Lohn

Nicole Koller erlebt eine der schwierigsten und gleichzeitig erfolgreichsten Phasen ihrer Karriere. Während bei ihrem Rennstall Lapierre PXR Racing wegen massiver finanzieller Probleme Schluss ist und Lohnzahlungen seit längerem ausstehen, fuhr die 29-jährige Schweizerin bei der Mountainbike-WM in Val di Sole zu Bronze im Cross-Country. Nun sucht Koller mitten in der laufenden Saison einen neuen Arbeitgeber.

Sportlich könnte die Situation kaum besser sein. Koller wurde im Juli erstmals Schweizer Meisterin, holte Ende August ihre erste Elite-WM-Medaille im olympischen Cross-Country und bestätigte ihre Form wenige Tage später mit Rang zwei beim Swiss Bike Cup in Huttwil.

Abseits der Strecke herrscht dagegen grosse Unsicherheit. Ihr ursprünglich bis 2028 angelegtes Engagement bei Lapierre ist praktisch zusammengebrochen, während Koller weiterhin auf Klarheit über ausstehende Zahlungen und ihre vertragliche Zukunft wartet.

WM-Bronze mitten im finanziellen Chaos

Bei den Weltmeisterschaften im italienischen Val di Sole gelang Koller Ende August einer der grössten Erfolge ihrer Karriere.

Im Cross-Country-Rennen der Elite-Frauen gewann Sina Frei überlegen den Weltmeistertitel. Die Zürcherin erreichte das Ziel nach 1:27:50 Stunden.

Dahinter entwickelte sich ein enger Kampf um Silber und Bronze. Martina Berta und Nicole Koller kamen beide mit 1:07 Minuten Rückstand auf Frei ins Ziel.

Im Sprint um Platz zwei hatte die Italienerin das bessere Ende für sich. Koller sicherte sich Bronze und damit ihre erste WM-Medaille im Elite-Cross-Country.

Bereits wenige Tage zuvor hatte Sina Frei im Short Track eine Schweizer WM-Medaille gewonnen. Im olympischen Cross-Country folgte dann sogar ein Schweizer Doppelerfolg mit Gold für Frei und Bronze für Koller.

Lapierre beendet das Mountainbike-Projekt

Parallel zum sportlichen Höhepunkt geriet Kollers berufliche Situation komplett ins Wanken.

Cycles Lapierre befindet sich in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten. Das Unternehmen wurde vom Handelsgericht in Dijon Ende August in ein gerichtliches Sanierungsverfahren versetzt.

Kurz darauf bestätigte Lapierre das Ende des PXR-Racing-Programms im Cross-Country-Weltcup.

Die Entscheidung sei Teil von Massnahmen zur Sicherung der Liquidität und habe nichts mit den sportlichen Leistungen der Fahrerinnen und Fahrer zu tun, erklärte das Unternehmen.

Betroffen sind neben Koller unter anderem Anne Terpstra, Caroline Bohé, Anton Cooper und Tobias Lillelund.

Lohnzahlungen seit längerem ausstehend

Für Koller geht es dabei nicht nur um die sportliche Zukunft.

Nach ihren Angaben sind Lohnzahlungen bereits seit längerem ausgeblieben. Wie und wann diese Forderungen beglichen werden, war zuletzt weiterhin offen.

Koller erklärte, dass sie selbst noch keine abschliessende Klarheit über das laufende Verfahren habe.

Das bringt die 29-Jährige in eine besonders unangenehme Situation: Sie muss sportlich auf höchstem Niveau funktionieren und gleichzeitig ihre berufliche Zukunft organisieren.

Ihr Vertrag war ursprünglich langfristig ausgelegt. Das Projekt mit Lapierre sollte bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles führen.

Davon ist nun nichts mehr übrig.

Vertrag bis 2028 wird zum Problem

Die Teamsuche hat Koller längst aufgenommen.

Nach eigenen Angaben führte sie bereits Gespräche mit mehreren Mannschaften. Einige dieser Kontakte seien sehr positiv verlaufen.

Eine neue Unterschrift ist allerdings noch nicht erfolgt.

Ein Grund dafür ist ihre formelle Vertragssituation. Solange Koller nicht endgültig aus ihrem bestehenden Vertragsverhältnis herausgelöst ist, kann sie ihre Zukunft nicht vollständig neu regeln.

Damit wird ausgerechnet ein Vertrag, der ursprünglich langfristige Sicherheit bringen sollte, nun zu einem zusätzlichen Unsicherheitsfaktor.

Starke Resultate erhöhen ihren Marktwert

Sportlich liefert Koller gleichzeitig Argument um Argument für einen neuen Vertrag.

Schon vor der WM hatte sie eine starke Saison gezeigt.

Im Juli gewann sie in Leysin erstmals den Schweizer Meistertitel im Cross-Country. Bei der Europameisterschaft im Tessin wurde sie Vierte im olympischen Cross-Country und Sechste im Short Track.

Auch im Weltcup fuhr sie regelmässig weit nach vorne.

In Les Gets belegte Koller unmittelbar vor der WM Rang fünf im Cross-Country und Rang vier im Short Track.

Der dritte Platz bei der WM ist nun der bislang grösste internationale Erfolg ihrer Elite-Karriere in der olympischen Disziplin.

Nach der WM verzichtet Koller auf Utah

Die finanziellen Probleme beeinflussen inzwischen sogar ihre Rennplanung.

Koller verzichtete nach der WM auf die Reise zum Weltcup in Utah. Die Kombination aus Reisekosten, Logistik und notwendiger Höhenvorbereitung wäre unter den aktuellen Umständen zu aufwendig geworden.

Stattdessen konzentriert sie sich vorerst auf Rennen in der Schweiz.

Am vergangenen Wochenende startete Koller beim Swiss Bike Cup in Huttwil.

Dort bestätigte sie ihre starke Form erneut.

Alessandra Keller gewann das Elite-Rennen, Koller belegte den zweiten Platz. Monique Halter komplettierte als Dritte das Podest.

Nächster Start in Gränichen

Bereits am kommenden Wochenende folgt die nächste Gelegenheit.

Am 12. und 13. September findet in Gränichen das Saisonfinale des Swiss Bike Cup statt.

Koller gehört bei den Elite-Frauen erneut zu den grossen Namen am Start. Das Elite-Rennen der Frauen beginnt am Samstag um 12.15 Uhr.

Die anspruchsvolle Strecke durch die Kiesgruben und den Bikelehrpfad zählt zu den traditionsreichsten Cross-Country-Kursen der Schweiz.

Für Koller bietet das Rennen erneut die Möglichkeit, ihre sportliche Ausnahmesaison fortzusetzen.

Bronze als Bewerbung für die Zukunft

Wie es 2027 weitergeht, ist dagegen noch offen.

Dass Koller auf dem Transfermarkt interessant ist, dürfte nach ihren jüngsten Resultaten kaum überraschen.

Sie ist Schweizer Meisterin, WM-Dritte und gehört konstant zu den stärksten Cross-Country-Fahrerinnen der Welt.

Trotzdem befindet sie sich derzeit in einer Situation, die im Spitzensport eigentlich kaum vorstellbar ist: Eine Athletin gewinnt eine WM-Medaille, während sie gleichzeitig seit längerer Zeit auf Lohn wartet und nicht weiss, für welches Team sie in der nächsten Saison fahren wird.

Koller versucht, das Sportliche vom finanziellen Chaos zu trennen.

Bislang gelingt ihr das bemerkenswert gut.

 

Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert