Geldpolitik der SNB: Welche Handlungsoptionen der Nationalbank bleiben
von belmedia Redaktion Allgemein business24.ch businessaktuell.ch Finanzen Konzeption nachrichtenticker.ch News Prävention Schweiz Tipps Wirtschaft
Ein Leitzins von null Prozent bedeutet für die Schweizerische Nationalbank keinen Stillstand. Sie kann Zinsen verändern, am Devisenmarkt eingreifen und die Liquidität im Bankensystem steuern. Welche dieser Möglichkeiten sinnvoll ist, hängt davon ab, ob die Schweiz mit schwacher Nachfrage, starkem Aufwertungsdruck oder anhaltender Inflation konfrontiert ist. Jedes Instrument hat dabei eigene Wirkungen und Grenzen.
Nach dem geldpolitischen Entscheid vom 24. September 2026 beträgt der SNB-Leitzins weiterhin null Prozent. Auch die am 22. Oktober veröffentlichte Zusammenfassung der Beratungen bestätigt diesen Beschluss. Stand 2. November 2026 bleibt damit die Frage aktuell, wie viel Spielraum unterhalb der Nullgrenze besteht und welche Alternativen zur Zinspolitik zur Verfügung stehen.
Der Auftrag bestimmt den geldpolitischen Spielraum
Die SNB soll die Preisstabilität gewährleisten und dabei der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen. Als Preisstabilität definiert sie einen jährlichen Anstieg des Landesindexes der Konsumentenpreise von weniger als zwei Prozent. Auch ein anhaltender Rückgang des allgemeinen Preisniveaus verletzt dieses Ziel. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, die Geldpolitik sowohl zu straffen als auch zu lockern.
Entscheidend ist die mittelfristige Entwicklung. Ein vorübergehender Anstieg einzelner Energiepreise verlangt eine andere Reaktion als ein breit abgestützter, dauerhafter Inflationsdruck. Ebenso bedeutet ein schwacher Monatswert noch keine Deflation. Die Nationalbank muss beurteilen, wie dauerhaft eine Veränderung ist und wie sie sich auf Nachfrage, Kosten und Erwartungen überträgt.
Null Prozent ist die Ausgangslage, keine vollständige Beschreibung
Im September 2026 beliess die SNB ihren Leitzins bei null Prozent und bekräftigte ihre Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt aktiv zu werden. Ihre damalige bedingte Inflationsprognose lag über den gesamten Prognosezeitraum im Bereich der Preisstabilität. Für die Jahresdurchschnitte erwartete sie 0,7 Prozent im Jahr 2026 sowie jeweils 0,8 Prozent in den Jahren 2027 und 2028.
Diese Prognose beruht auf der Annahme eines während des gesamten Prognosezeitraums unveränderten Leitzinses. Sie ist deshalb keine Zusage, die Zinsen tatsächlich jahrelang bei null zu halten. Neue Daten oder ein verändertes internationales Umfeld können eine andere Entscheidung erfordern. Der veröffentlichte Zins und die Annahme hinter einer Prognose müssen getrennt betrachtet werden.
Den Leitzins erhöhen, senken oder unverändert lassen
Der Leitzins bleibt die zentrale Orientierung für die kurzfristigen besicherten Geldmarktzinsen in Franken. Ein wichtiger Referenzsatz ist der SARON, der auf Geschäften und verbindlichen Preisstellungen am besicherten Tagesgeldmarkt beruht. Über den Geldmarkt wirken geldpolitische Veränderungen auf weitere Finanzierungskonditionen und damit auf wirtschaftliche Entscheidungen.
Bei dauerhaft steigendem Inflationsdruck könnte die SNB den Leitzins erhöhen. Wird die Nachfrage dagegen schwächer und droht die Inflation mittelfristig zu tief auszufallen, kommen Zinssenkungen infrage. Auch ein unveränderter Satz ist eine aktive Entscheidung: Er kann angemessen sein, wenn die bisherigen Bedingungen weiterhin zum Inflationsausblick passen.
Die Wirkung hängt vom Umfeld ab. Für den Frankenkurs zählen unter anderem die Zinsunterschiede zum Ausland und die Erwartungen der Marktteilnehmer. Eine Zinssenkung führt deshalb nicht mit Sicherheit zu einer Abwertung. War sie bereits erwartet worden, kann die unmittelbare Marktreaktion gering bleiben oder von anderen Nachrichten überlagert werden.
Negativzinsen bleiben möglich, haben aber Nebenwirkungen
Die Schweiz hat bereits Erfahrungen mit negativen geldpolitischen Zinsen gesammelt. Eine Rückkehr wäre grundsätzlich möglich, wenn eine weitere Lockerung zur Sicherung der Preisstabilität erforderlich würde. Negativzinsen können Frankenanlagen relativ weniger attraktiv machen und damit Aufwertungsdruck entgegenwirken. Auch andere kurzfristige Zinsen können dadurch sinken.
Der Spielraum nach unten ist jedoch begrenzt. Banken können negative Zinsen nicht beliebig an ihre Einleger weitergeben; zudem bleibt Bargeld als Ausweichmöglichkeit verfügbar. Belastungen der Zinsmargen und Anreize zu höherer Risikobereitschaft gehören ebenfalls in die Abwägung. Ein tieferer Satz entfaltet deshalb nicht unter allen Umständen dieselbe zusätzliche Wirkung.
Bereits heute ist zwischen Leitzins und einzelnen Guthabensätzen zu unterscheiden. Bei einem Leitzins von null Prozent werden bestimmte Sichtguthaben oberhalb der jeweiligen Limite mit einem Abschlag von 0,25 Prozentpunkten verzinst. Diese negative Verzinsung eines Teils der Bankguthaben ist nicht gleichbedeutend mit einem negativen SNB-Leitzins.
Devisenkäufe und Devisenverkäufe gezielt einsetzen
Für eine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz ist der Wechselkurs ein wichtiger Übertragungskanal. Ein stärkerer Franken kann importierte Waren und Vorleistungen verbilligen, zugleich aber die Einnahmen exportierender Unternehmen in Franken schmälern. Eine Abwertung wirkt tendenziell in die Gegenrichtung. Die SNB betrachtet deshalb Zinsen und Wechselkurs gemeinsam.
Beim Kauf von Fremdwährungen stellt die Nationalbank Franken bereit und erwirbt damit ausländische Währungen. Solche Geschäfte können einer unerwünschten Aufwertung entgegenwirken. Durch Fremdwährungsverkäufe kann sie umgekehrt eine straffere Geldpolitik unterstützen. Die Richtung eines Eingriffs ergibt sich aus der geldpolitischen Lage und ist nicht dauerhaft vorgegeben.
Interventionen garantieren keinen bestimmten Euro- oder Dollarkurs. Kapitalbewegungen, internationale Risiken und die Politik anderer Zentralbanken beeinflussen den Franken weiterhin. Der Beitrag „Der Franken hat mit der Nationalbank (SNB) ein Auffangnetz“ ordnet diese Möglichkeiten und ihre Grenzen näher ein.
Liquidität steuern und den Geldmarkt funktionsfähig halten
Neben dem Zinsentscheid steht dessen Umsetzung. Die SNB beeinflusst die Verzinsung der Sichtguthaben und kann dem Geldmarkt Liquidität zuführen oder entziehen. Bei einem liquiditätszuführenden Repogeschäft kauft sie Wertschriften und vereinbart gleichzeitig deren späteren Rückverkauf. Bei einem liquiditätsabschöpfenden Geschäft verläuft die Transaktion in umgekehrter Richtung.
Ein weiteres Instrument sind SNB Bills, also eigene Schuldverschreibungen der Nationalbank. Ihre Ausgabe bindet Liquidität; ein Rückkauf kann sie wieder freisetzen. Solche Operationen helfen, die kurzfristigen Geldmarktzinsen nahe am Leitzins zu halten. Ein einzelnes Geschäft bedeutet deshalb nicht automatisch einen Wechsel des geldpolitischen Kurses.
Mit Kommunikation Erwartungen beeinflussen
Finanzmärkte reagieren auf die erwartete künftige Geldpolitik. Erläutert die SNB, welche Risiken sie sieht und unter welchen Bedingungen Handlungsbedarf entstehen könnte, verändert dies die Einschätzungen der Marktteilnehmer. Die bedingte Inflationsprognose, Mediengespräche und veröffentlichten Diskussionszusammenfassungen tragen dazu bei, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen.
Kommunikation ersetzt die Instrumente nicht, kann ihre Wirkung aber unterstützen. Eine glaubwürdige Bereitschaft zum Handeln ist dabei wichtiger als eine starre Zusage für einen bestimmten Zinsverlauf. Der Beitrag „Zinsentscheide der Notenbanken: Erwartungen und Marktreaktionen verstehen“ zeigt, weshalb Beschluss, vorherige Erwartungen und anschliessende Kursbewegungen auseinandergehalten werden sollten.
Drei Entwicklungen verlangen unterschiedliche Antworten
Bei einem ausgeprägten Nachfragerückgang könnten Unternehmen Investitionen verschieben und Haushalte zurückhaltender konsumieren. Sinkt dadurch der mittelfristige Preisdruck deutlich, wäre eine Lockerung denkbar. Kommen starke Kapitalzuflüsse und eine rasche Frankenaufwertung hinzu, könnten Deviseninterventionen die Zinspolitik ergänzen. Welche Kombination angemessen wäre, müsste anhand der tatsächlichen Lage entschieden werden.
Anders wäre eine dauerhafte Verteuerung von Energie mit breiter Übertragung auf weitere Preise. In diesem Fall könnte eine schwache Konjunktur mit erhöhtem Inflationsdruck zusammentreffen. Eine zusätzliche Lockerung wäre dann nicht automatisch die passende Antwort. Die SNB müsste abwägen, wie sich der Preisschock entwickelt und ob Inflationserwartungen dauerhaft steigen.
Bleiben die Teuerung im Bereich der Preisstabilität und die wirtschaftlichen Aussichten ausreichend stabil, kann dagegen ein unveränderter Kurs sinnvoll sein. Diese Szenarien beschreiben mögliche Zusammenhänge, keine Vorhersage des nächsten Entscheids. Auch der IWF hält in seiner Schweiz-Beurteilung 2026 sowohl weitere Lockerungen als auch eine Straffung bei anhaltendem Inflationsdruck grundsätzlich für mögliche Reaktionen.
Die Bilanz schafft Möglichkeiten und trägt Risiken
Devisenkäufe vergrössern in der Regel die Fremdwährungsanlagen der SNB und ihre Bilanz. Damit entstehen Wechselkurs- und Marktrisiken. Veränderungen des ausgewiesenen Reservebestands lassen jedoch nicht unmittelbar auf Interventionen schliessen: Auch die Bewertung vorhandener Anlagen verändert sich, wenn Währungen, Anleihen oder Aktien im Wert schwanken.
Verluste setzen der Nationalbank nicht dieselbe Finanzierungsgrenze wie einem gewöhnlichen Unternehmen. Sie kann Zahlungsmittel in eigener Währung schaffen. Dennoch sind Eigenkapital und Vertrauen bedeutsam. Eine grössere Bilanz ist deshalb kein kostenloser Ersatz für andere Instrumente, und eine hohe Ausschüttung an Bund und Kantone ist kein eigenständiges geldpolitisches Ziel.
Kreditkonditionen folgen dem Leitzins nur mittelbar
Eine Veränderung des Leitzinses erreicht Haushalte und Unternehmen über mehrere Schritte. Banken berücksichtigen bei ihren Angeboten auch Laufzeit, Finanzierungskosten, Wettbewerb und Kreditrisiken. Bei langfristigen Zinsen spielen zudem Erwartungen über die kommenden Jahre eine Rolle. Ein unveränderter SNB-Leitzins schliesst Veränderungen einzelner Kreditangebote daher nicht aus.
Das gilt auch für Hypotheken und Immobilieninvestitionen. Günstigere Finanzierung kann Nachfrage unterstützen, beseitigt aber weder fehlendes Eigenkapital noch Unsicherheit über Einkommen oder Baukosten. Für die SNB zählt die gesamtwirtschaftliche Wirkung dieser Übertragung. Die Konditionen eines einzelnen Vertrags lassen sich aus dem geldpolitischen Beschluss allein nicht ableiten.
Geldpolitik kann strukturelle Probleme nicht auflösen
Die SNB kann monetäre Bedingungen beeinflussen, aber keine zusätzliche Energie fördern, ausländische Handelshemmnisse abschaffen oder fehlende Arbeitskräfte ersetzen. Zinsen und Devisengeschäfte wirken auf Nachfrage, Finanzierung und Wechselkurs. Wo die Ursache eines Problems ausserhalb dieser Bereiche liegt, bleiben andere wirtschaftliche Anpassungen erforderlich.
Auch zeitlich ist die Wirkung begrenzt. Marktpreise können rasch reagieren, während Konsum, Investitionen und die allgemeine Teuerung verzögert folgen. Die Nationalbank muss deshalb vorausschauend entscheiden, obwohl Ausmass und Dauer dieser Übertragung unsicher sind. Ein kurzfristiger Kursausschlag allein genügt nicht, um Erfolg oder Misserfolg einer Massnahme zu beurteilen.
Handlungsfähig bleiben heisst Instrumente abwägen
Der SNB bleiben bei einem Leitzins von null Prozent mehrere Möglichkeiten. Weitere Zinsschritte, Devisengeschäfte, die Steuerung der Bankliquidität und eine nachvollziehbare Kommunikation erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Ihr Nutzen ergibt sich aus dem Zusammenspiel und aus der konkreten wirtschaftlichen Lage.
Die entscheidende Frage lautet daher, welche Massnahme Preisstabilität mit vertretbaren Nebenwirkungen unterstützt. Der vorhandene Spielraum ist weder ausgeschöpft noch unbegrenzt. Er muss bei jeder Lagebeurteilung anhand neuer Daten, des internationalen Umfelds und der bisherigen Wirkung der Geldpolitik neu eingeschätzt werden.
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