BMW R 100 RT: Tourenklassiker mit Boxermotor, Komfort und Einsatzgeschichtereis
von belmedia Redaktion #Schweizweit Allgemein Alltag Inspiration Lifestyle Magazine Mobilität Motorrad motortipps.ch nachrichtenticker.ch News Regionen reiseziele.ch Schweiz Sicherheit sportaktuell.ch Themen tourismus.ch Ⳇ Verbreitung
Im Frühjahr 1981 setzte die Kantonspolizei Zürich auf Einsatzmotorräder wie die BMW R 100 RT. Mit ihrem kräftigen Boxermotor, der weit heruntergezogenen Verkleidung und einer auf lange Fahrten ausgelegten Sitzposition brachte sie wichtige Eigenschaften für den Polizeidienst mit. Das Motorrad bot Schutz bei schlechtem Wetter, Platz für Ausrüstung und genügend Leistung für rasche Interventionen.
Heute gilt die R 100 RT als Klassiker. Ihre Konstruktion wirkt überschaubar und mechanisch, zugleich war der grosse Tourer zu Beginn der 1980er-Jahre ein modernes Arbeitsgerät. Elektronische Fahrhilfen gab es noch nicht. Umso wichtiger waren ein gutmütiges Fahrverhalten, zuverlässige Technik und erfahrene Fahrer.
Vom Reisemotorrad zum Einsatzfahrzeug
BMW brachte die R 100 RT 1978 auf den Markt. Die hier relevante erste Ausführung mit Zweiarmschwinge wurde bis 1984 gebaut. Später kehrte die Modellbezeichnung mit einer technisch überarbeiteten Generation zurück.
Die Buchstaben «RT» standen laut BMW für «Reisetourer». Im Mittelpunkt stand damit nicht die maximale Sportlichkeit. Gefragt waren Komfort, Wetterschutz und die Fähigkeit, längere Strecken zügig zurückzulegen.
Genau diese Eigenschaften waren für Polizeikorps interessant. Verkehrspolizisten verbrachten während einer Schicht viel Zeit auf dem Motorrad. Sie mussten bei wechselndem Wetter einsatzbereit bleiben und neben ihrer persönlichen Ausrüstung weitere Geräte transportieren.
Polizeiversionen konnten je nach Auftraggeber unter anderem mit Signalleuchten, Wechselklanghorn, Funktechnik, zusätzlichen Schaltern, Einzelsitz und besonderen Seitenkoffern ausgestattet werden. Welche Details die Zürcher Maschinen im Einzelnen besassen, hing von der damaligen Beschaffung und dem konkreten Einsatzbereich ab.
Ein luftgekühlter Boxer als Herzstück
Angetrieben wurde die R 100 RT von einem luftgekühlten Zweizylinder-Viertaktmotor. Die beiden Zylinder lagen einander waagerecht gegenüber und ragten seitlich aus dem Motorrad. Diese Bauform wird als Boxermotor bezeichnet und gehört seit den frühen Jahren zu den prägenden Konstruktionsmerkmalen von BMW Motorrad.
Der Motor besass 980 Kubikzentimeter Hubraum. BMW Group Classic nennt für die R 100 RT mit Zweiarmschwinge eine Leistung von 51 Kilowatt beziehungsweise 70 PS bei 7’250 Umdrehungen pro Minute. Als Höchstgeschwindigkeit werden 190 km/h angegeben. Je nach Baujahr, Absatzmarkt und Behördenausführung konnten technische Einzelheiten abweichen.
Für den Polizeialltag war weniger die theoretische Höchstgeschwindigkeit entscheidend. Wichtiger war, dass der Motor seine Leistung berechenbar abgab und auch bei längeren Fahrten zuverlässig arbeitete.
Die seitlich angeordneten Zylinder trugen zu einer günstigen Gewichtsverteilung bei. Gleichzeitig waren sie gut vom Fahrtwind erreichbar. Die Motorkühlung kam ohne Wasserkühler, Kühlmittel oder elektrische Kühlerlüfter aus.
Fünfganggetriebe und Kardanantrieb
Die Kraft gelangte über eine Trockenkupplung und ein Fünfganggetriebe zum Hinterrad. Statt einer offen laufenden Kette verwendete BMW einen Kardanantrieb.
Für ein Einsatzmotorrad hatte diese Lösung praktische Vorteile. Eine Kette muss regelmässig gereinigt, geschmiert und gespannt werden. Der weitgehend geschlossene Kardanantrieb verlangte im täglichen Betrieb weniger Pflege und verschmutzte weder Maschine noch Uniform mit abgeschleudertem Kettenfett.
Vollkommen wartungsfrei war die Konstruktion trotzdem nicht. Getriebe, Kardanwelle, Lager und Hinterradantrieb benötigten vorgeschriebene Kontrollen und Ölwechsel. Bei heute erhaltenen Exemplaren sind zudem der Zustand von Dichtungen, Verzahnungen und Gelenken wichtige Punkte.
Die Verkleidung machte den Unterschied
Das auffälligste Bauteil war die grosse, rahmenfeste Verkleidung. Sie umschloss Scheinwerfer und Cockpit und reichte weit an den Seiten hinunter. Eine hohe Scheibe leitete einen grossen Teil des Fahrtwindes über den Fahrer hinweg.
BMW entwickelte den Wind- und Wetterschutz gezielt für den Toureneinsatz. Die Neigung der Scheibe liess sich anpassen. Belüftungsöffnungen führten Frischluft in den Bereich hinter der Verkleidung.
Bei Regen, tiefen Temperaturen und langen Fahrten entlastete diese Konstruktion den Fahrer erheblich. Weniger Winddruck bedeutete zudem, dass hohe Geschwindigkeiten über längere Zeit weniger anstrengend waren.
Die grosse Fläche hatte allerdings auch eine Kehrseite. Seitenwind war deutlicher zu spüren als bei einem unverkleideten Motorrad. Beim langsamen Manövrieren machte sich ausserdem das Gewicht des Tourers bemerkbar. Polizeifahrer mussten ihre Maschine daher auch bei engen Wendemanövern, im dichten Stadtverkehr und auf nasser Fahrbahn sicher beherrschen.
Fahrwerk und Bremsen ohne elektronische Helfer
Die erste R 100 RT besass einen Stahlrohrrahmen, eine Teleskopgabel und eine Hinterradschwinge mit zwei Federbeinen. Vorn sorgten zwei Scheibenbremsen für Verzögerung, hinten arbeitete bei den frühen Ausführungen eine Trommelbremse.
Antiblockiersystem, Traktionskontrolle, elektronische Fahrprogramme und schräglagenabhängige Regelsysteme waren 1981 noch kein Bestandteil des Motorrads. Eine Notbremsung stellte deshalb deutlich höhere Anforderungen an Gefühl und Fahrkönnen als auf einem modernen Polizeimotorrad.
Auch die Reifen unterscheiden sich erheblich von heutigen Konstruktionen. Moderne Mischungen bieten bei Nässe und niedrigen Temperaturen wesentlich mehr Haftung. Damalige Einsatzfahrer mussten ihre Geschwindigkeit besonders sorgfältig an Strassenzustand und Wetter anpassen.
Dass vollständige Schutzkleidung auch bei hohen Temperaturen unverzichtbar bleibt, zeigt der aktuelle Beitrag über Motorrad-Schutzkleidung im Schweizer Sommer.
Warum Motorräder für die Verkehrspolizei wichtig waren
Ein Motorrad benötigt weniger Raum als ein Streifenwagen. Es kommt im dichten Verkehr schneller voran und lässt sich an Stellen abstellen, an denen ein Auto den Verkehrsfluss behindern würde.
Zu den möglichen Aufgaben eines Polizeimotorrads gehörten:
- Verkehrsüberwachung auf Hauptstrassen und Autobahnen;
- Kontrolle und Begleitung des Verkehrs bei besonderen Ereignissen;
- Absicherung von Unfallstellen und Gefahrenbereichen;
- Begleitung von Kolonnen, Veranstaltungen oder besonderen Transporten;
- rasche Anfahrt bei Verkehrsbehinderungen;
- Anhalten und Kontrollieren von Fahrzeugen.
Ein Motorrad konnte einen Streifenwagen dennoch nicht ersetzen. Für Personentransporte, umfangreiche Absperrmittel oder Einsätze mit mehreren Polizisten blieb das Auto notwendig. Die Stärke der R 100 RT lag in ihrer Rolle als bewegliches, gut sichtbares und eigenständig einsetzbares Verkehrsmittel.
Platz für Funk und Polizeiausrüstung
BMW stattete das zivile Serienmodell bereits mit Gepäck- und Kofferträgern aus. Bei einem Polizeimotorrad liess sich dieser Stauraum für Regenbekleidung, Dokumente, Kontrollmaterial und technische Ausrüstung nutzen.
Der Einbau von Funkgerät, Signalanlage und zusätzlicher Beleuchtung stellte besondere Anforderungen an die Elektrik. Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Tourenmotorrad musste die Stromversorgung auch bei häufigem Stadtbetrieb und niedriger Motordrehzahl zuverlässig funktionieren.
Bedienelemente für Blaulicht, Horn und Funk mussten erreichbar sein, ohne den Fahrer unnötig vom Verkehr abzulenken. Die genaue Anordnung wurde bei Behördenfahrzeugen häufig an die Anforderungen des jeweiligen Polizeikorps angepasst.
Charakter statt Perfektion
Aus heutiger Sicht fährt sich eine frühe R 100 RT deutlich mechanischer als ein moderner Tourer. Beim Einlegen des Gangs ist das Getriebe oft klar zu hören. Der Kardanantrieb kann bei Lastwechseln spürbar reagieren. Auch die Vergaser verlangen nach einer korrekten Einstellung.
Gerade darin liegt für Liebhaber ein Teil des Reizes. Der Motor arbeitet mit einem markanten Rhythmus. Viele Wartungsarbeiten bleiben nachvollziehbar, und zahlreiche Verschleissteile sind weiterhin erhältlich.
Wer heute eine R 100 RT kaufen möchte, sollte sich vom äusseren Glanz nicht täuschen lassen. Entscheidend sind Wartungshistorie und technischer Zustand. Besondere Aufmerksamkeit verdienen:
- Bremsanlage und Bremsleitungen;
- Lenkkopf-, Schwingen- und Radlager;
- Dichtheit von Motor, Getriebe und Hinterradantrieb;
- Vergaser, Ventilspiel und Zündung;
- Lichtmaschine, Batterie und Kabelverbindungen;
- Befestigungen und Risse an der grossen Verkleidung;
- Alter und Zustand der Reifen.
Auch mit einem gut gepflegten Klassiker gelten die heutigen Anforderungen an Aufmerksamkeit und Schutzausrüstung. Weitere Grundlagen erläutert der Ratgeber über Risiken und sicheres Motorradfahren.
Vom Arbeitsgerät zum gesuchten Klassiker
1981 war die BMW R 100 RT der Kantonspolizei Zürich in erster Linie ein Werkzeug. Sie musste täglich funktionieren, den Fahrer schützen und seine Ausrüstung tragen. Historischer Kultstatus spielte bei der Beschaffung keine Rolle.
Heute erinnert das Modell an eine Epoche, in der Polizeimotorräder fast vollständig mechanisch arbeiteten. Die R 100 RT verband einen grossvolumigen Boxer, Kardanantrieb und ausgeprägten Wetterschutz zu einem eigenständigen Konzept.
Erhaltene Behördenmaschinen sind besonders interessant. Zusätzliche Schalter, Halterungen, Koffer oder Bohrungen können Hinweise auf ihre frühere Nutzung geben. Bei einer Restaurierung stellt sich deshalb die Frage, ob solche Einsatzspuren bewahrt oder in den zivilen Serienzustand zurückgebaut werden sollen.
Video-Tipp: Die BMW R 100 RT im Fahrbetrieb
Der ausführliche Fahrbericht zeigt eine BMW R 100 RT von 1982 und vermittelt einen guten Eindruck von Motorlauf, Sitzposition, Verkleidung und Fahrverhalten der frühen Modellgeneration.
Fazit
Die BMW R 100 RT passte gut zu den Aufgaben der Verkehrspolizei zu Beginn der 1980er-Jahre. Ihr luftgekühlter Boxermotor bot genügend Leistung, der Kardanantrieb erleichterte die laufende Pflege und die grosse Verkleidung schützte den Fahrer bei langen Einsätzen.
Mit heutigen Polizeimotorrädern kann sie bei Bremsen, Fahrwerk und elektronischen Assistenzsystemen nicht mithalten. Das war auch nicht ihr Anspruch. Ihre Stärke lag in einer robusten, überschaubaren Konstruktion und in der Verbindung von Reichweite, Komfort und Alltagstauglichkeit. Genau diese Mischung macht sie heute zu einem bemerkenswerten Klassiker der Polizei- und Motorradgeschichte.
Bildquellen: Bild 1: Symbolbild © Guido Nicora/Shutterstock.com; Bild 2: Symbolbild © Traebbe/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0; Bild 3: Symbolbild © Mr.choppers/Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0; Bild 4: Symbolbild © order_242/Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0