Anni Albers im Zentrum Paul Klee: Zwischen Fäden, Architektur und Kunst

Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet der Bauhaus-Künstlerin Anni Albers vom 7. November 2025 bis 22. Februar 2026 die erste Einzelausstellung in der Schweiz.

Die Schau beleuchtet Albers’ Werk im Spannungsfeld zwischen Textilkunst, Architektur und Design und zeigt, wie die Visionärin des 20. Jahrhunderts das Verhältnis von Material, Struktur und Raum neu definierte.









Vom Bauhaus in die USA

Anni Albers (1899–1994) zählt zu den einflussreichsten Künstlerinnen und Designerinnen des 20. Jahrhunderts. Nach ihrer Ausbildung am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin emigrierte sie 1933 mit ihrem Ehemann Josef Albers in die Vereinigten Staaten. Dort lehrten beide am neu gegründeten Black Mountain College in North Carolina, das rasch zu einem Zentrum der modernen Kunst- und Designausbildung wurde.

Ihre Faszination für Materialien und Strukturen verband sich früh mit einer architektonischen Denkweise. Schon während ihrer Zeit am Bauhaus entwarf sie funktionale Stoffe für Räume und Gebäude, die sie später als „nützliche Objekte“ bezeichnete.

Die Sprache der Fäden

In den USA unternahmen Anni und Josef Albers zahlreiche Reisen nach Mexiko, Chile und Peru. Besonders die präkolumbischen Textilien der Andenregion inspirierten ihr künstlerisches Denken. Sie erkannte in der Webkunst dieser Kulturen eine eigene Sprache aus Linien, Knoten und Symbolen.

1936 entstand das Werk Ancient Writing*, eine grossformatige Webarbeit aus dunklem Viskosegarn, deren helle Fasern an antike Schriftzeichen erinnern. Später griff sie mit Werken wie Code (1962) die Idee verschlüsselter Kommunikation erneut auf. Ihre Textilien verstanden sich nicht mehr als Gebrauchsobjekte, sondern als Ausdrucksträger – als Texte aus Fäden.


„Mit meinen Bildwebereien will ich erreichen, dass die Fäden wieder zu einer eigenen Sprache, einer eigenen Form und einer eigenen Instrumentierung finden. Man soll sie anschauen und nicht auf ihnen sitzen oder gehen.“ Anni Albers Künstlerin

Paul Klee als Lehrer

Albers trat 1922 in die Webereiwerkstatt des Bauhauses in Weimar ein. Nach der Heirat mit Josef Albers 1925 verkürzte sie ihren Namen und entwickelte ein konsequent modernes Selbstverständnis als Gestalterin. Einer ihrer wichtigsten Lehrer war Paul Klee, dessen Unterricht in Gestaltungslehre sie tief prägte.

Das Experimentieren mit Materialien und Strukturen wurde zu ihrem zentralen Arbeitsprinzip. Sie verstand Weberei nicht als Handwerk, sondern als konstruktiven Prozess – eine Form des architektonischen Denkens mit Fäden.

Experiment und Innovation

Für Albers war das Weben eine Form des Bauens. 1930 entwarf sie im Auftrag von Bauhaus-Direktor Hannes Meyer eine akustisch wirksame Wandverkleidung für die Aula des ADGB-Schulgebäudes in Bernau. Die Kombination aus schallabsorbierendem Chenillegarn und reflektierenden Zellophanfasern verband Funktion und Ästhetik in neuartiger Weise.


„Wir vom Bauhaus schaffen Muster, die eng mit dem Material verbunden sind und gleichzeitig auf die Verwendung des Textils abgestimmt sind.“ Anni Albers Designerin

Architektonische Auftragsarbeiten

Auch in den USA setzte Albers ihre Experimente fort. Für das Harvard Graduate Center entwarf sie in den späten 1940er-Jahren pflegeleichte Textilien mit geometrischen Mustern, die den Alltag an den Wohnstätten der Studierenden funktional und ästhetisch verbesserten.

In Dallas realisierte sie 1957 schimmernde Textilpaneele für den Tempel Emanu-El – ein Beispiel für ihre Fähigkeit, sakrale Räume mit Licht und Struktur zu gestalten. Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee zeigt diese Projekte anhand von Fotografien und Originalmustern.

Textilien als mitwirkende Gedanken

1949 erhielt Anni Albers als erste Textilkünstlerin eine Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York. Dort präsentierte sie raumtrennende Textilobjekte aus Zellophan, Jute und Holz – leichte, bewegliche Alternativen zu festen Wänden.

Auch im Zentrum Paul Klee werden ihre Textilien als raumprägende Elemente inszeniert. Damit erfüllen sie ihre eigene Forderung, Textilien als „mitwirkende Gedanken“ in der Architektur zu begreifen.


„Textilien, die bei der Planung oft nur ein Nebengedanke sind, könnten wieder den Platz des mitwirkenden Gedankens einnehmen.“ Anni Albers aus „The Pliable Plane“, 1957

 

Quelle: Kunstmuseum Bern – Zentrum Paul Klee
Bildquelle: Zentrum Paul Klee