„Ich sehe die Welt durch seine Augen“: Molly Burke erlebt die Niederlande auf zwei Rädern

Die kanadische Content Creatorin Molly Burke ist blind. Trotzdem oder gerade deshalb erlebt sie Reisen mit einer Intensität, die Sehenden oft entgeht. Gerade ist sie rund 700 Kilometer auf einem Spezial-Tandem von Deutschland quer durch die Niederlande gefahren. Es ist eine Reise über Freiheit, Vertrauen und die Frage, wie eine Welt aussehen könnte, die wirklich für alle gemacht ist.

Plötzlich wird es ganz still. Brendan Grant nimmt Tempo heraus, Molly Burke hört auf zu treten. Das Tandem rollt nur noch im Schritttempo weiter. Drei Kilometer pro Stunde vielleicht. Langsam genug, dass das Surren der Pedale verstummt und andere Geräusche hervortreten. „Ich konnte die Bewegungen von Schafen hören. Ich hörte ihre Füsse. Ich konnte sogar hören, wie sie frassen“, erzählt Molly später. Für einen Moment gibt es nur sie, die Geräusche und Gerüche der Landschaft. Und das Fahrrad, das beinahe lautlos an ihnen hindurchgleitet. Dann lacht Molly. „Ich konnte definitiv auch riechen, wenn sie gekackt hatten.“ So klingt eine Reise durch die Niederlande, wenn man sie nicht mit den Augen erlebt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die blinde Content Creatorin Molly Burke fuhr rund 700 Kilometer von Deutschland durch die Niederlande.
  • Auf einem Pino-Tandem sitzt sie vorne, während ihr Verlobter Brendan Grant dahinter steuert und navigiert.
  • Die Tour mit Riding Together soll zeigen, wie inklusives Radfahren und barrierefreies Reisen funktionieren können.
  • Für Molly Burke prägen Geräusche, Gerüche, Berührungen und Bewegung das Reiseerlebnis ebenso wie visuelle Eindrücke.
  • Die Fahrt endete in Groningen beim CycleSummit 2026 und soll neue Impulse für inklusiven Fahrradtourismus geben.

700 Kilometer für mehr Barrierefreiheit

Molly Burke ist 32 Jahre alt, Kanadierin, Autorin, Influencerin und eine der international bekanntesten Stimmen für Barrierefreiheit. Mehr als fünf Millionen Menschen folgen ihr über ihre Social-Media-Kanäle. Mit vier Jahren wurde bei ihr die progressive Augenkrankheit Retinitis pigmentosa diagnostiziert, mit 14 hatte sie den grössten Teil ihres Sehvermögens verloren. Seit etwa 10 Jahren ist sie völlig erblindet.

Nun sitzt sie auf einem Pino-Tandem des deutschen Herstellers „Hase Bikes“ und fährt mit ihrem Verlobten Brendan von Waltrop in Deutschland bis nach Groningen im Norden der Niederlande: rund 700 Kilometer, elf Fahrtage, fünf Teams, vier sehbehinderte Fahrerinnen und Fahrer. Beim Pino sitzt der sogenannte „Rider“ vorne auf einem zurückgelehnten Sitz, während der „Pilot“ dahinter lenkt, bremst, schaltet und navigiert. Beide treten in die Pedale. Molly reist mit Riding Together, einer australischen Non-Profit-Organisation, die sich für inklusives Radfahren einsetzt und Menschen, die Unterstützung benötigen, mit geschulten Pilotinnen und Piloten zusammenbringt. Die Tour durch die Niederlande soll zeigen, wie inklusives Radfahren in der Praxis funktionieren kann, und neue Partnerschaften in Europa aufbauen.

Zum ersten Mal sitzt sie vorne

Dass Molly vorne sitzt, klingt zunächst wie ein technisches Detail. Für sie bedeutet es viel mehr. „Als blinder Mensch bin ich eigentlich immer hinten“, sagt sie. „Auf einem normalen Tandem sitze ich hinten. Auch im Alltag bin ich oft hinter jemandem. Ich gehe hinter meinem Blindenführhund, wenn er mich führt. Ich bin immer einen Schritt hinter allen.“ Auf dem Pino ist es umgekehrt. „Es ist wirklich cool, diese Erfahrung zu machen: tatsächlich einmal vorne zu sein.“ Hinzu kommt ein Gefühl, das sie auf einem klassischen Tandem vermisst: Unabhängigkeit. Die Pedale sind nicht starr miteinander gekoppelt. Molly kann aufhören zu treten, während Brendan weitermacht. Beide können unterschiedlich kräftig in die Pedale treten. „Es fühlt sich unabhängiger an. Ich liebe es“, sagt sie. Und dann ist da noch der Wind. Auf einem gewöhnlichen Tandem sitzt Molly hinter dem Rücken des Piloten, im Windschatten quasi. Auf dem Pino befindet sich nichts zwischen ihrem Gesicht und der Welt.

Brendan sitzt höher hinter ihr. Während er lenkt, erzählt er ihr, was vor ihnen auftaucht: eine Kuh auf einer Wiese, ein Vogel, Häuser, Menschen, Tiere am Wegesrand. „Es ist so auch akustisch leichter für mich, ihn zu hören“, erzählt Molly. „Er beschreibt mir alles, durch das wir gerade fahren. Und dadurch habe ich wirklich das Gefühl, dass ich sehen kann, was wir erleben.“ Dann formuliert sie einen Satz, der vielleicht am besten erklärt, was diese Reise für sie bedeutet: „Ich sehe die Welt durch seine Beschreibungen und durch seine Augen.“ Doch die Wahrnehmung funktioniert in beide Richtungen. Molly hört, riecht und spürt Dinge, die Brendan möglicherweise entgehen. „Ich höre einen Vogel und sage: Da ist ein Vogel. Und dann schaut er auf und sagt: Ja, da ist tatsächlich ein ganzer Schwarm.“ Für Molly ist das keine einseitige Hilfe, sondern eine gemeinsame Erfahrung. „Wir teilen das auf unsere eigene Weise“, sagt sie. „Es ist fast wie eine Symbiose.“

Eine Reise besteht nicht nur aus dem, was man sieht

„Die Leute fragen mich ständig: Warum willst du überhaupt reisen, wenn du es nicht sehen kannst?“, erzählt sie. „Wir sagen ja sogar, dass wir uns die Welt ansehen.“ Für sie besteht ein Ort aus viel mehr. Aus dem Geräusch einer Sprache. Aus Pflastersteinen unter den Füssen. Aus Essen und Gerüchen. Aus Musik, Stimmen und Architektur, die den Klang einer Strasse verändert. Selbst eine Polizeisirene klinge von Land zu Land anders, sagt sie. Besonders liebt sie Tunnel und Durchgänge. „Ich kann hören, wie sich der Raum um mich herumschliesst, wenn wir hindurchfahren.“

Das Fahrrad fügt dieser Art des Reisens etwas Neues hinzu. Es verbindet die Unmittelbarkeit des Laufens mit der Geschwindigkeit, tatsächlich grössere Distanzen zurücklegen zu können. „Ich könnte natürlich eine Bustour machen“, sagt Molly. „Aber dann sitze ich einfach in einem Fahrzeug. Auf dem Fahrrad höre ich die Vögel, die Menschen um mich herum, verschiedene Sprachen. Das ist eine vollkommen andere Erfahrung.“

In Los Angeles wäre diese Reise kaum denkbar

Wie ungewöhnlich diese Freiheit für sie ist, merkt Molly besonders im Vergleich zu ihrer Wahlheimat. Sie stammt aus Kanada, lebt aber seit rund neun Jahren in Los Angeles. Auf die Frage, ob sich Radfahren dort mit den Niederlanden vergleichen lasse, reagiert sie heftig. „Oh mein Gott. Das kann man überhaupt nicht vergleichen.“ Wo sie in Los Angeles lebe, gebe es schlicht keine Infrastruktur, mit der sie sich sicher auf dem Fahrrad bewegen könne. Selbst für die 700-Kilometer-Tour konnte das Paar deshalb kaum draussen trainieren. „Wir haben auf Fahrrädern im Fitnessstudio trainiert“, erzählt sie. „Das war das einzige, was wir tun konnten.“

Jetzt geniesst sie die Bewegung an der Luft. Schon nach kurzer Zeit in den Niederlanden ist der Kontrast für sie spürbar. „Hier merkt man sofort die Infrastruktur. Überall Radwege. Es ist unglaublich.“ Auch gegenüber dem deutschen Teil der Strecke bemerkt sie Unterschiede. In Deutschland seien sie häufiger auch auf Strassen unterwegs gewesen; in den Niederlanden dagegen seien Radwege allgegenwärtig. „Die Niederlande sind der perfekte Ort für eine Radtour“, sagt Molly, „wegen der Infrastruktur, aber auch, weil hier anscheinend jeder mit dem Rad unterwegs ist.“ Wer selbst längere Touren plant, findet auch auf flachen Routen durch Landschaften Möglichkeiten, Radreisen mit überschaubaren Etappen zu gestalten.

Mit 14 verlor sie die Welt, die sie kannte

Als Kind fuhr Molly jedes Wochenende mit ihrer Familie Fahrrad. Sie spielte Fussball, joggte und bewegte sich selbstverständlich durch die Welt. „Das alles habe ich verloren, als ich mein Sehvermögen verlor.“ Ihre Erblindung kam dabei nicht überraschend und war trotzdem ein Schock. Ihre Eltern hatten ihr bereits als Vierjährige offen erklärt, dass sie irgendwann blind sein würde. Sie lernte früh Brailleschrift und verschiedene Techniken für ein Leben ohne Sehen. Aber Wissen, sagt sie, sei etwas anderes als emotionale Vorbereitung.

Mit 14 verlor sie dann deutlich schneller als erwartet einen grossen Teil ihres Sehvermögens. „Ich musste mich damals von der Person verabschieden, von der ich dachte, dass ich sie wäre. Und von dem Leben, von dem ich dachte, dass ich es führen würde.“ Heute sagt sie, diese Erfahrung habe sie geprägt, auch auf eine Weise, für die sie dankbar ist. Sie habe ihr Zielstrebigkeit gegeben und Empathie. Und eine Mission: dafür zu sorgen, dass Menschen mit Behinderungen nicht ständig erst darum kämpfen müssen, teilnehmen zu dürfen.

Warum Molly nichts von einer „Bucket List“ hält

Deshalb hält Molly wenig von einer Idee, die Menschen mit fortschreitendem Sehverlust häufig begegnet: möglichst schnell noch eine Liste all jener Dinge abzuarbeiten, die man „gesehen haben muss“, bevor das Sehvermögen verschwindet. „Ich verstehe, warum Menschen so eine Bucket List machen“, sagt sie. „Aber ich mag das Konzept nicht.“ Denn ihre grössten Abenteuer hätten erst später begonnen. „Das Leben hört nicht auf, wenn man blind wird. Man hört nicht auf, Dinge zu erleben. Vielleicht erlebt man sie nicht mehr auf dieselbe Weise wie ein sehender Mensch. Aber die Erfahrungen hören nicht einfach auf. Sie verändern sich.“

Die Fahrt durch die Niederlande sei dafür ein ziemlich gutes Beispiel. Für Molly geht es bei dieser Reise deshalb um mehr als um 700 Kilometer auf einem ungewöhnlichen Fahrrad. Sie möchte zeigen, dass Produkte und Reisen von Anfang an für alle möglichen Zielgruppen konzipiert werden sollten. „Man muss von Anfang an alle denken, wenn man das Produkt auch an alle verkaufen möchte“, sagt sie. Ihre eigene Familie sei das beste Beispiel. Ihre Eltern, ihr Bruder und seine Partnerin, Brendan und sie selbst, sie alle seien gerne aktiv und würden gerne gemeinsam reisen. Doch sobald eine Aktivität für Molly nicht zugänglich sei, scheide diese Reise für die gesamte Familie aus.

Barrierefreiheit nützt am Ende allen

Besonders wichtig ist ihr deshalb das Prinzip des „Universal Design“: Statt nachträglich Sonderlösungen für Menschen mit Behinderung zu bauen, sollten Produkte von Anfang an so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen sie nutzen können. „Es geht nicht darum, die Welt nachträglich barrierefrei zu machen“, sagt Molly. „Es geht darum, für alle zu entwerfen. Und dadurch bessere Produkte zu schaffen, die für mehr Menschen funktionieren.“ Oft profitieren davon am Ende gerade Menschen ohne Behinderung: abgesenkte Bordsteine helfen Rollstuhlfahrern, aber ebenso etwa Eltern mit Kinderwagen, Reisenden mit Koffern und Radfahrern.

Wie entscheidend eine durchgehend zugängliche Reisekette sein kann, zeigt auch das Thema Angebot für hindernisfreies Reisen: Barrierefreiheit umfasst Wege, Informationen, Mobilitätsangebote und die praktische Nutzbarkeit touristischer Erlebnisse.

Sogar ihre Kamera auf dem Fahrrad liefert ihr ein Beispiel. Ein Tastendruck und eine Stimme bestätigt: „Aufnahme gestartet.“ Noch ein Druck: „Aufnahme beendet“. Entwickelt wurde die Funktion, damit Radfahrer filmen können, ohne während der Fahrt auf ein Display schauen zu müssen. Für Molly bedeutet dieselbe Funktion Barrierefreiheit.

„Ich möchte nicht, dass das die eine grosse Radreise meines Lebens bleibt“

Am Ende führte die Tour Molly und die anderen Fahrer bis nach Groningen. Dort traf sich beim CycleSummit die internationale Radreisebranche; rund 200 Fachleute und Reiseveranstalter waren anwesend. „Ich hoffe, dass mehr Reiseveranstalter so etwas anbieten und mehr Fahrradclubs inklusives Radfahren ermöglichen“, sagt sie. „Ich möchte nicht, dass das die eine grosse Radreise meines Lebens bleibt.“ Sie möchte, dass daraus etwas Alltägliches wird. Für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen.

 

Quelle: Niederländisches Büro für Tourismus & Convention (NBTC)
Bildquelle: Molly Burke and Brendan Grant in Texel, © Gary Hackett/Riding Together