Kitesurfen auf Schweizer Seen: Sommersport zwischen Wind, Wasser und Adrenalin
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Ein farbiger Schirm steht hoch über dem Wasser, das Brett beschleunigt und wenige Augenblicke später hebt die Fahrerin für einen kurzen Sprung ab. Kitesurfen verbindet Geschwindigkeit, Balance und Naturerlebnis wie kaum ein anderer Sommersport.
Auch auf Schweizer Seen ist das Kiten längst keine exotische Randerscheinung mehr. Besonders der Silvaplanersee hat sich als bekanntes Revier etabliert. Wer den Sport ausprobieren möchte, braucht allerdings mehr als Wind und ein Brett. Ausbildung, Wetterkenntnisse, passende Schutzausrüstung und die örtlichen Regeln gehören von Anfang an dazu.
Was beim Kitesurfen eigentlich passiert
Beim Kitesurfen steht die Sportlerin oder der Sportler auf einem vergleichsweise kleinen Brett. Für den Antrieb sorgt ein Lenkdrachen, der über lange Leinen mit einer Steuerstange verbunden ist. Die Zugkraft des Windes bringt das Brett ins Gleiten. Fortgeschrittene nutzen sie ausserdem für Richtungswechsel, Sprünge und Freestyle-Manöver.
Das sieht vom Ufer erstaunlich leicht aus. Tatsächlich laufen mehrere Bewegungen gleichzeitig ab. Der Kite muss kontrolliert, die Brettkante belastet und der Körper gegen den Zug stabilisiert werden. Hinzu kommen Wind, Wellen und andere Personen auf dem See. Genau diese Mischung macht den Reiz aus, verlangt aber eine gründliche Einführung.
Kitesurfen ist zudem nicht mit Windsurfen zu verwechseln. Beim Windsurfen ist das Segel direkt am Brett befestigt. Beim Kiten befindet sich der Schirm viele Meter über der fahrenden Person. Dadurch entsteht ein deutlich grösserer Aktionsraum, der besonders beim Starten und Landen berücksichtigt werden muss.
Der Silvaplanersee als Schweizer Kitesurf-Klassiker
Der Silvaplanersee liegt auf rund 1800 Metern im Oberengadin. Die offene Wasserfläche, die hochalpine Landschaft und vor allem der Malojawind machen ihn zu einem der bekanntesten Schweizer Windsportreviere. Wer neben dem Wassersport weitere Seiten der Region kennenlernen möchte, findet im Engadin zahlreiche Wanderwege und Aussichtspunkte rund um die Oberengadiner Seen.
Der Malojawind ist kein zufälliger Luftzug. Er entsteht durch die besonderen topografischen und thermischen Verhältnisse zwischen dem Bergell und dem Oberengadin. An geeigneten Sommertagen setzt er häufig gegen Mittag ein und weht aus südwestlicher Richtung über den See. MeteoSchweiz nennt für den Nachmittag Böen von etwa 30 bis 50 km/h. Eine westliche bis südwestliche Strömung in der Höhe kann ihn verstärken, während nördliche oder nordöstliche Strömungen ihn hemmen.
Eine Garantie ist das trotzdem nicht. Bewölkung, Niederschläge, Gewitter oder eine ungünstige Grosswetterlage können das lokale Windsystem abschwächen oder verändern. Gute Kiterinnen und Kiter verlassen sich deshalb nicht auf die Uhrzeit allein. Sie prüfen Wetterprognose, Warnlage und lokale Messwerte und beobachten den Himmel auch während der Session.
Am Silvaplanersee treffen eine offene Wasserfläche und ein ausgeprägtes lokales Windsystem aufeinander. Gerade diese attraktiven Bedingungen verlangen Aufmerksamkeit: Windrichtung, Böen, Zonenplan und die Hinweise der örtlichen Wassersportschulen sollten vor jedem Start geprüft werden.
Der Einstieg beginnt an Land
Ein Kite entwickelt bereits bei mässigem Wind erhebliche Zugkräfte. Der erste Versuch gehört deshalb nicht in die Hände eines hilfsbereiten Bekannten, sondern in einen professionell geleiteten Kurs. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU empfiehlt ausdrücklich eine fundierte Ausbildung.
Zu Beginn geht es noch nicht darum, spektakulär über das Wasser zu fahren. Zuerst lernen Einsteigerinnen und Einsteiger, den Wind zu beurteilen, den Schirm aufzubauen und die Leinen korrekt zu sortieren. Danach folgen Übungen zur Steuerung, zum sicheren Auslösen und zum Verhalten nach einem Sturz. Auch der sogenannte Bodydrag gehört zur Ausbildung. Dabei lässt sich die Person ohne Brett kontrolliert durch das Wasser ziehen. Diese Technik hilft später, ein verlorenes Brett wieder zu erreichen.
Erst wenn die Kitekontrolle sitzt, kommen Wasserstart und erste Fahrversuche hinzu. Wie schnell das gelingt, ist individuell. Wind, Kondition, Koordination und die Vorerfahrung aus anderen Brettsportarten spielen eine Rolle. Ein guter Kurs setzt nicht auf möglichst schnelle Erfolgsmeldungen, sondern auf sichere, reproduzierbare Abläufe.
Diese Ausrüstung gehört dazu
Zur Grundausstattung zählen Kite, Steuerstange mit Leinen, Trapez und Brett. Die Grösse des Schirms muss zur Windstärke, zum Körpergewicht und zum Können passen. Ein zu grosser Kite ist bei kräftigem Wind keine mutige Wahl, sondern ein unnötiges Risiko.
Besonders wichtig ist das Sicherheitssystem. Über den Quick-Release lässt sich die Zugkraft des Kites in einer kritischen Situation stark reduzieren. Eine korrekt befestigte Safety-Leash sorgt dafür, dass der ausgelöste Schirm nicht unkontrolliert davonfliegt. Das System muss nicht nur vorhanden sein. Die kitesurfende Person muss seine Bedienung kennen und regelmässig üben.
Die BFU empfiehlt ausserdem einen Wassersporthelm, einen Neoprenanzug sowie eine kombinierte Prallschutz- und Schwimmweste. Auf einem hoch gelegenen See bleibt das Wasser auch an sonnigen Tagen kühl. Der Neoprenanzug dient deshalb nicht nur dem Komfort, sondern verzögert das Auskühlen. Eine zum Revier und zur Jahreszeit passende Stärke sollte mit der Schule oder einem Fachgeschäft abgestimmt werden.
Vor dem Start werden Leinen, Verbindungen und Sicherheitssystem sorgfältig kontrolliert. Verhedderte oder falsch angeknüpfte Leinen können dazu führen, dass sich der Kite nach dem Start nicht wie erwartet steuern lässt. Die Kontrolle erfolgt deshalb in Ruhe und noch vor dem Betreten der Startzone.
Auf dem Silvaplanersee gelten klare Zonen
Kitesurfen ist auf Schweizer Seen grundsätzlich erlaubt. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder beliebige Uferabschnitt als Startplatz genutzt werden darf. Kantone und Gemeinden können Sperrflächen, Schutzgebiete, zeitliche Einschränkungen sowie spezielle Ein- und Ausstiege festlegen. Vor einer Fahrt an einen unbekannten See muss deshalb immer die aktuelle örtliche Regelung geprüft werden.
In Silvaplana ist der kommunale Zonenplan verbindlich. Kiterinnen und Kiter dürfen nur die offiziellen Ein- und Ausstiege verwenden. Der Lej Suot und der Lej da Champfèr sind für Wassersportgeräte gesperrt. Auch die markierte Windsurf- und Wingfoil-Schulungszone darf nicht mit einem Kite befahren werden.
Für selbstständig kitende Personen gelten am Silvaplanersee zusätzliche lokale Voraussetzungen. Dazu gehören nach den aktuellen Angaben der Gemeinde ein anerkannter IKO- oder VDWS-Nachweis, ein Versicherungsnachweis und der vor Ort zu entrichtende Mitgliederbeitrag. Die Anweisungen des Beach Marshalls sind zu befolgen. Private Schulungen sind nicht gestattet.
Das Brett muss gut sichtbar mit Namen und Adresse versehen sein. Eine Telefonnummer ist ebenfalls sinnvoll. Entfernt man sich mehr als 300 Meter vom Ufer, ist eine Schwimmweste vorgeschrieben. Da sich lokale Bestimmungen ändern können, gehört der aktuelle Zonenplan bei jeder Anreise erneut auf die Checkliste.
Andere Seen, andere Regeln
Auch der Urnersee ist bei Wind- und Kitesurferinnen beliebt. Dort gelten jedoch andere Vorgaben. Der Kanton Uri weist unter anderem einen einzigen Uferstart- und Landeplatz bei Isleten aus. Dieser darf vom 15. Juni bis 31. August nicht für Starts und Landungen benutzt werden. In dieser Zeit muss der Start mit dem vorgeschriebenen Abstand vom Ufer aus dem Wasser erfolgen. Zudem bestehen räumliche Verbotszonen.
Dieses Beispiel zeigt, warum allgemeine Spotlisten aus dem Internet nicht genügen. Eine Stelle kann sportlich geeignet sein und trotzdem in einer Schutzzone liegen oder saisonal gesperrt sein. Massgebend sind die aktuellen Informationen des Kantons, der Gemeinde, der Seepolizei und der lokalen Betreiber.
Sicherheit entscheidet sich vor dem Start
Eine gute Session beginnt mit der Frage, ob man überhaupt aufs Wasser geht. Gewitter, rasch aufziehende Fronten, ablandiger Wind und starke Böigkeit sind klare Warnzeichen. Bei ablandigem Wind kann eine Person trotz funktionierendem Kite vom Ufer weggetrieben werden. Am Silvaplanersee gilt insbesondere Nordwind als gefährlich und für Kitesurfer ungeeignet. Auch der Julierwind aus Westnordwest kann böig und ablandig sein.
Die BFU empfiehlt, niemals allein zu kiten. Eine zweite Person kann beim kontrollierten Start und bei der Landung helfen und im Notfall Unterstützung organisieren. Auf dem Wasser müssen grosszügige Abstände eingehalten werden. Kitesurfer haben gegenüber anderen Booten und Schiffen keinen Vortritt.
Vorausschauendes Fahren ist gerade an gut besuchten Sommertagen wichtig. Schwimmende, Stand-up-Paddler, Segelboote und Windsurfer können Geschwindigkeit und Leinenlänge eines Kites nicht immer richtig einschätzen. Wer frühzeitig ausweicht, schützt deshalb nicht nur sich selbst. Weitere Hinweise für einen sicheren Aufenthalt im Wasser gelten unabhängig von der gewählten Sportart.
Adrenalin kommt erst nach der Kontrolle
Wer Höhe, Geschwindigkeit und spektakuläre Tricks erwartet, muss Geduld mitbringen. Die ersten Erfolgserlebnisse sind meist weniger filmreif: einige Meter kontrolliert fahren, wenden, wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren oder nach einem Sturz selbstständig neu starten.
Gerade darin liegt die Faszination. Fortschritte sind unmittelbar spürbar. Mit wachsender Erfahrung werden Fahrten länger, die Höhe lässt sich besser halten und das Board kann kontrollierter belastet werden. Sprünge gehören jedoch erst dann ins Programm, wenn Kitekontrolle, Abstand und Landung zuverlässig beherrscht werden.
Rücksicht schützt auch das Revier
Ein guter Kitesurf-Spot ist mehr als eine freie Wasserfläche. Uferbereiche können Rückzugsorte für Vögel sein, Wasserpflanzen schützen Jungfische und schmale Wege werden gleichzeitig von Spaziergängern und Velofahrenden genutzt. Markierte Sperrzonen sind deshalb keine unverbindliche Empfehlung.
Auch die Ausrüstung kann unbemerkt problematische Organismen von einem Gewässer zum nächsten transportieren. Die Gemeinde Silvaplana empfiehlt deshalb, Material nach der Nutzung gründlich zu reinigen, vollständig zu entleeren, auf Pflanzenreste zu kontrollieren und vor dem Einsatz in einem anderen Gewässer trocknen zu lassen.
Video-Tipp: Mit dem Malojawind auf den Silvaplanersee
Warum der Silvaplanersee zu den bekanntesten Schweizer Revieren für Kite- und Windsurfer gehört, zeigt dieses Video. Deborah Gröble erklärt, wie der Malojawind den See am Mittag verändert und was den Wassersport vor der Oberengadiner Bergkulisse so besonders macht.
Fazit
Kitesurfen bringt echten Meeresgefühl-Charakter auf Schweizer Seen, allerdings vor einer Kulisse aus Bergen, Wäldern und hochalpinen Tälern. Der Silvaplanersee ist dafür das bekannteste Beispiel. Sein Malojawind schafft häufig gute Bedingungen, verlangt aber ebenso viel Aufmerksamkeit wie jeder andere kräftige Wind.
Wer mit einem professionellen Kurs beginnt, das Sicherheitssystem beherrscht und die lokalen Regeln ernst nimmt, schafft eine solide Grundlage. Dann wird aus dem vermeintlichen Extremsport ein anspruchsvoller, faszinierender Sommersport, bei dem nicht der höchste Sprung zählt, sondern die Kontrolle über Wind, Brett und die eigene Entscheidung.
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